Matrix Spider - photo by pasukaru76 - licensed under Public Domain CC0
Warum diese Technik stark boomt: Was wenn KI ganz andere Ziele verfolgt (Nicht der Output sondern der Input zählt) -
Wer hätte beim Betrachten des unvergesslichen 3-Stunden-Epos über einen kleinen Roboterjungen, der 3000 Jahre lang mit weit aufgerissenen Augen nach der Unterwasser-Fee sucht, die ihn zum Menschen machen könne - dem meiner Ansicht nach unterschätzten hinterlassenen Filmwerk von keinem geringeren Filmemacher als dem legendären, zu dem Zeitpunkt bereits verstorbenen Stanley Kubrik (als letzte Bitte nach dessen Tod umgesetzt von seinem engen Freund und Kollegen Steven Spielberg) je gedacht, diesen Science-Fiction Begriff, welcher den Filmtitel säumte, so alsbald in der Realität anzutreffen. Dabei ist dieser in der Science-Fiction Welt schon lang in aller Munde: "Künstliche Intelligenz", kurz "KI", oder im englischen und somit internationalen Sprachgebrauch "AI". Für die einen DAS Schlagwort dieses Jahrzehnts, für andere das Unwort des Jahrhunderts und für wieder andere die Bedrohung des Jahrtausends. Und für kommende Generationen vermutlich ein Alltagsbegriff. Aber genau aus diesem Grund ist die Debatte darum wichtiger, als manch KI-Begeisteter es gern eingestehen möchte.
Nicht erst seit gestern drifted die Welt technisch zunehmend auseinander und Generationen leben in einer voneinander isolierten Realität. Es soll Menschen geben, die davon bis heute kaum etwas mitbekommen haben. Aber sie ist inzwischen allgegenwärtig für Jene, die darauf achten. Und für jene, die sie kaum noch umgehen können: Menschen in Kontakt mit Computertechnik, Softwareprogrammen, dem Internet und digitalen Unterhaltungs-Medien. Für die einen die größte Entdeckung nach dem Feuer, der Elektrizität, der Mondlandung und dem Internet. Für andere die größte Bedrohung der Menschheit nach - oder gar noch - vor dem atomaren Supergau. Vor allem aber ist sie zum jetzigen Zeitpunkt eines: falsch genutzt, falsch betrachtet, falsch besprochen, kurzum: missverstanden. Und ...
... in falscher Hand.
Und nein, durch dieses Dossier wird die Kritik daran nicht weniger.
Mein Bezug zu dem was Kubrik meinte gegenüber dem was uns heute umgibt
Diverse größere Kultur-, Film- und Forschungs-Projekte in meinen Arbeitsbereichen führten mich tief in die Stratosphäre und hinter die Kulissen von dem, was der Alltags-Mensch im Allgemeinen gern mit der "digitalen Welt" umschreibt. Also der nicht analogen Welt der Einsen und Nullen in Code, der Computer, des globalen Datenstroms. Angefangen von Software für filmtechnische oder komplexe Wissenschaftsanwendungen und demografische Simulationen zur Darstellung globaler Veränderungen, bis über IT-Technik wie Hardware, Serverparks, Suchmaschinen, Sozialen Netzwerken, den sogenannten "Smart Devices" wie Mobil-Telefonen, Tablets, Laptops, und insbesondere von mir aufgebaute professionelle Firmen-Computer-Netzwerke, Teamportale, Büro- und Studio-Großrechnern, und anderen Endgeräten und all der "Wunder"-Technik darin.
Nicht unwichtig einleitend klarzustellen: Somit also selbst nicht unbehaftet. Durch Jahrzehnte langes Forschen und Arbeiten in und mit komplexer Computertechnik, diversen Programmiersprachen, Engagements in diversen Führungspositionen im Open Source Bereich, sowie eigenen Essays und Dossiers zu den Philosophien dahinter und Allem drum herum - bin ich nach jahrelangem Hadern darüber, ob meine gesellschaftlichen aber auch meine technischen Kenntnisse und Bedenken zu KI einmal "zu Papier" gebracht werden sollten (was ja nun wirklich nicht der Schwerpunkt in Form von Publikationen bei meinem Arbeitsfokus sein sollte) dennoch zu dem Entschluss gekommen, dass jeder Impuls und Input in dem Bereich zum jetzigen Zeitpunkt demokratischer Mehrwert und konstruktiv sein kann.
Genau genommen fast schon ein bisschen spät...
Im Zuge der Betrachtungen werde ich dafür auch immer wieder die Landschaft der allgemeinen Kritik an KI sowie der Kritik an der Kritik quer durchkämmen, damit beim Lesen meiner Ausführungen nicht ständig dieses "ja -aber" Gefühl aufkommt, weil jemand glaubt, ich hätte diesen Aspekt noch nicht "gesehen". Denn sowohl konstruktiv Positives als auch kritisch Geäußertes an KI wird von Diskutanten viel mit jeweiligen Totschlagargumenten aus immer wieder dem gleichem Pool an Konzepten gegenseitig flankiert. Und die Diskussionen drehen sich dadurch immer im selben, meiner Ansicht nach in der Priorität verschobenen, Kreis. Reddit ist voll davon. Oft, wenn nicht sogar meistens, jedoch völlig vorbei an den heute wesentlichen Punkten, die meiner Ansicht nach viel mehr Gewicht haben sollten in der Analyse und der Debatte um KI. Zumindest hier und jetzt.
Da dies, entgegen meiner Natur, an erster Stelle ein technisches und erst an zweiter ein gesellschaftliches Thema ist, werde ich auch versuchen meine oft etwas humoreske und literarisch ausufernde Art zu begrenzen. Ich möchte das Thema nicht rein "artistisch" oder ethisch sondern auch Sach-technisch angehen. Ich kann natürlich nicht garantieren, dass mir das immer gelingt. Denn auch hier hat der Mensch wieder viel Vorlage als Stoff geliefert, wo die Verlockung groß ist, dies karikaturesk oder etwas ironisch auf künstlerische Weise zu kommentieren. Auch hat das Thema mehr philosophische und gesellschaftskritische Aspekte in sich, als es manch Technikbegeisterten vielleicht in den Sinn kommen mag. Womit wir schon zu einem der Probleme in der Debatte damit kommen. Sonst wäre ich sicher nicht so tief in die Materie eingestiegen. Aber mich reizt es dabei im Gegensatz zu vielen meiner Kollegen im Bereich Kunst und Kultur, dies eben nicht nur rein gesellschaftlich oder gar auf "künstlerische Art" zu besprechen und damit zu "spielen", sondern die tief technischen Aspekte dabei mit einfließen zu lassen, die mir durch - leider sehr Lebenszeit-kostspielige und intensive Erfahrungshorizonte - zur Verfügung stehen.
Sie merken schon: ein Twitter Post wird das nicht.
Der Terminus KI als Worthülse
Was Viele, aber noch nicht alle, wissen, vorweg: In 99% Prozent der Fälle wird in Diskussionen eigentlich wenn das Wort KI fällt über etwas völlig anderes gesprochen, was nicht dem entspricht, was jene sich im Geiste in dem Moment darunter vorstellen. Und in 99% der Fälle ist es auch das was in den letzten Jahren in all den "digitalen Produkten" als neues "Feature" angepriesen wird. Das hat wenig mit der KI aus ihren Siecnce-Fiction Romanen gemein. Warum es wichtig ist das zu betonen? Der Begriff KI ist in 99% der Fälle schlichtweg irreführend. Aber es ist besser vermarktbar.
Für dieses Phänomen gibt es bereits eine durchaus nennenswerte Analogie aus den Anfängen des Computerzeitalters, die hier in übertragenen Sinne sogar gewissermaßen nachwirkt. Um es in Anlehnung an Richard Stallman's Kritik im Umgang mit der Computertechnik im Allgemeinen so zu formulieren: Das Problem mit dem Konzept von Bedienoberflächen, um Computer an den einfachen Menschen zu Hause verkaufen zu können ist, dass es dem Menschen eine virtuelle Realität vorgaukelt, die so nicht existiert. Aber darin wird unfassbar viel Energie gesteckt und verschwendet. Und das nicht nur im umgangssprachlichen Sinne. So kann man es zwar besser verkaufen, aber bringt auf lange Sicht allerlei Probleme mit sich, die die begeisterten Forscher, Mitbegründer und Entdecker oder dessen Geschäftspartner in den Hoffnungen auf das "neue Geschäft" nicht sehen wollen. Stallman warnte davor. Und den langfristigen Auswirkungen auf die Menschheit und ihr Selbstverständnis. Heute werden ihm viele Skeptiker recht geben. Ähnlich wie beim Fallstrick Tourismus und seiner oft unterschlagenden Zerstörungswut, um eine weitere Analoge zu bemühen. Wo die vorangegangenen Werbe-Argumente dafür eher angelehnt sind an ein unlängst in Frage zu stellendes Konzept von ewigem wirtschaftlichen Wachstum konträr zu dem was Tourismus hinterlässt. Insbesondere wenn er wieder verschwindet. Es ist immer das selbe Problem: die ideologische Verblendung hinter Vermarktung und Verpackung. Ich fände sogar eine Analogie zu Cornflakes-Packungen passend. Aber lassen wir das.
Die "Verpackung" KI als Schlagwort, in der Form wie es vermarktet oder zumindest oft fälschlicher Weise vom Menschen rezipiert und von anderer Seite oft nicht hinreichend korrigiert (da ja so verkauft) wird, ist im weitesten Sinne in zweierlei Hinsicht ein ähnlich verschleierndes "Oberflächen Konzept", wie die Benutzeroberfläche von Computern und den heutigen Smart Devices. Es ist irreführend und langfristig ein unterschätzt gesellschaftlich problematisches Konzept, da diese Verschleierung dabei auch die umliegenden Debatten verfälscht. Denn ähnlich wie bei Computern (manch einer kennt den Witz vielleicht noch) ist mit "mach mal ein Fenster auf" nicht gemeint, man solle lüften, sondern man möge auf dem Gerät eine "Ansicht" starten die Einblick in darin gruppierte Daten gewährt. Und so ist der virtuelle Raum, den der Mensch auf seinen Geräten oder auch auf Webseiten mit all den Knöpfen betritt, in Wahrheit nichts weiter als eine Illusion, die sehr viel Energie verschwendet (viele ahnen glaube ich nicht wie viel, auch umwelttechnisch). Dahinter verbirgt sich aber eine nüchterne Matrix aus Zahlen in Binär-Code gesendet über elektrische Impulse auf Leiterplatten, die nichts weiter tut als "Rechenaufgaben" zu lösen. Und im Grunde sich vom Ursprung des Computers bis heute wenig geändert hat. Was sich geändert hat, sind die wachsende Menge an Ebenen dazwischen. Also zwischen diesem Kern und dem Geschöpf vor dem Bildschirm.
Aber nun weg von lang ausführenden Analogien. Schließlich ist dies hier ein Text in der Matrix und nicht in Buchform. Es ist klar worauf ich hinaus will: Auch das ganze Milieu um die KI Technik und ihren Anhängern herum trägt solch eine "Oberflächen"-Verschiebung im Geiste mit sich. Denn die meisten sogenannten KI-Modelle sind in Wahrheit sogenannte LLMs (Large Language Models). Was - um es nicht zu lang zu machen - in Kürze ungefähr soviel bedeutet wie: "Großes Sprachmuster Modell". Und genau hier liegt die Crux im Detail zum Verständnis. Und aber auch zu den Kritikpunkten daran. Zumindest heute.
Das Versteckspiel mit den Kritikpunkten in der Debatte
Ich weiß zwar noch nicht ob ich an dieser Stelle länger ausholen sollte (vielleicht hole ich das nach), aber in dem fortlaufenden Muster wie 99% solcher KI-Modelle konzipiert sind und somit den Korridor von reinen LLMs vielleicht auch verlassen mögen, bleiben sie am Ende aber heute vor allem Eines: Sammler. Sammler von Daten. Um diese dann neu zusammen zu würfeln und auszugeben als "Max Headroom"-artige, vermeintlich dem menschlichen Geiste ähnelnde Ergebnisse. Und nach Meinung von Experten tut sie dies zur Zeit noch relativ schlecht. Aber das weißt die Mehrheit nicht. Denn sie hat kein Vergleich. Aber diese Simulation von einem vermeintlich denkenden Computer führt sie zu der Annahme, dass nahende Hauptprobleme in der Zukunft von Morgen mit KI wären, dass der Mensch bald nicht nur von ihr ersetzt sondern gar von ihr selbstständig handelnd "bekämpft" werden könne. Als sich gegen den Menschen stellt. Wie man es ja in Science-Fiction Romanen vorgelebt bekommt. Verstehen Sie jetzt meine Analogie zu "Mach mal das Fenster auf"? Und genau das hebelt aber auf unglückliche Weise andere berechtigte Sorgen und Kritik aus, weil es den Meinungskorridor und die Eckdaten der Debatte verschiebt.
Nehmen wir mal an - nur um nicht fälschlicherweise als zukunftsresistent zu erscheinen, denn ich bin das Gegenteil davon und meine Fantasie lässt da alles zu - es könne so ein bedrohliches "interscenario" ;-) tatsächlich eines Tages geben. Dann wäre das ohne Frage eine im höchsten Maße ernst zunehmende Krise der Menschheit. Und glauben Sie mir, wenn ich Ihnen sage, ich bin durchaus bereit über diese interscenario's ;-) und möglichen Bedrohungen zu diskutieren und zu schreiben. Und ich meine damit nicht Science-Fiction. Denn für meine Begriffe sind da einige KI-Jünger zu naiv und ähnlich wissenschaftshörig verblendet, wie jene die damals glaubten, dass was die Physiker da betreiben, sei rein zum Wohle der Menschheit (Atombombe). Ich erspare Ihnen hier meine lange Ansprache zu dem unfassbar kulturhistorisch rücksichtslosen und unempathisch menschenverachtenden Unsinn dieses Oscar-prämierten Loblieds jüngster Tage auf bewegten Polaroid an einen Bombenbauer. Für mich kommt das im Ansatz eines Biopics über einen KZ-Arzt gleich.
Aber genau aus dem Grund dieser Dramatik möchte ich gern eine der problematischen, zu durchkämmenden Verschiebungen in der Debatte aufgreifen. Genau diese - wir belassen es bei der Bezeichnung - "Zukunftsfantasien" sind es, die dazu führen, dass technisch versierte Menschen mit Hintergrundwissen zu KI eben glauben, dass viele Kritik an KI darauf beruhe, das Ganze nicht verstanden zu haben. Auf diese Weise entwerten sie nicht nur kategorisch jegliche Kritik und durchaus berechtigt gezeichneten Zukunftsmodelle, sondern merken dabei auch nicht, wie sie selbst dabei zu unreflektierten Verfechtern einer jungen und kritisch zu hinterfragenden Bewegung werden. Um es mal mit aus einem anderen Kontext entliehenen Worten von Volker Pispers zu sagen: "Oft heißt es die Kritik daran sei oberflächlich. Aber meine Kritik daran ist gar nicht oberflächlich..." In seinem Falle bezog es sich auf die angespannte Beziehung zwischen USA und Europa, welche wir hier auf interscenar.io schon in einem anderen Dossier beleuchtet haben.
Der inzwischen wachsende Konsens zu den Fähigkeiten und Grenzen von KI
Wer liebt es nicht zu hören: "Ich hab es euch ja gesagt". - Nun: "Ich hab es euch ja gesagt"... :) Aber in der Anfangseuphorie wurde darüber gelacht. Und nun wächst der Diskurs über die Grenzen von KI.
Was man an verwendeten Statistiken und Zahlen, die beim Rezipienten ein irreführendes Bild erzeugen können, gut aufzeigen und demonstrieren kann, ist das was ich im philosophischen Sinne das "Beseelte" am Menschen nenne und das ist eben nicht nur fehleranfällig sondern auch kreativ. Denn Statistiken sind die eine Sache, die Auswertungen dazu eine ganz andere. Gerade im digitalen Zeitalter können Zahlen mehr als entscheidend sein. Diese aber richtig einordnen zu können ist schwieriger als man denkt.
In unsicheren, unübersichtlichen und emotionalen Situationen sind wir gut beraten, unserem eigenen Urteilsvermögen zu vertrauen – denn genau dafür sind wir Menschen gemacht.
Was, wenn es gar nicht um das Ergebnis geht?
Die meiner Ansicht eigentlich heute zu führende Debatte um diese Entwicklungen herum ist jedoch erschreckend leise. Nicht stumm. Aber auch nicht laut genug. Es geht darum, dass der allgemeine Glaube, es ginge hier um eine "Max Headroom" artige Entwicklung für die Zukunft, welche ja bei aller Skepsis und Kritik nun mal sich nur dann weiter entwickeln könne, wenn sie genug Daten habe, begreift nicht im Ansatz, dass sie damit der größten jemals dagewesenen Datensammlungsmaschine die es jemals gegeben hat, Tür und Tor öffnen. Mit einer unvergleichbar weit verbreiteten Bereitschaft in der breiten Bevölkerung diese zu akzeptieren. In einem Ausmaß, welches selbst die oft zitierte und kritisierte schleichende Akzeptanz in der Bevölkerung durch Smartphones, Webcams, Suchmaschinen, Webtracking, Social Media, Videoüberwachung nach 09/11 und Autoelektronik und Vielem anderen in den Schatten stellt. Jedes mal wenn Sie bei einem Produkt Update heute lesen "ab morgen gibt es uns auch mit KI" denken leider nicht wenige selbst KI kritische Nutzer nur noch, ja das musste ja kommen. Jetzt bauen die auch KI ein. Aber die wenigsten denken: Jetzt werde ich schon direkt beim Nutzen meiner Programme beobachtet, getracked, Wort für Wort beim Tippen gefilmt und jeder erdenkliche Schritt ist mit meiner Einwilligung durch die Nutzung des Programms dieser KI zur Verfügung gestellt.
Wer glaubt, dass diese Daten nur für die KI genutzt werden, der glaubt auch, dass eine Atombombe nur zur Abschreckung gebaut wird. Der Faktor Mensch ist selbst für den hartnäckigsten Menschenfreund und Humanisten nicht zu leugnen.
Nach den rechtlichen Kämpfen der letzten 2 Jahrzehnte im Internet, die zu diversen verschiedenen Rechtsauffassungen und Bewegungen in den verschiedensten Ecken der Welt führten, die sich damit befassen, ob und wann und wie Daten von Nutzern erhoben werden dürfen und wie das rechtlich abzusichern und transparent zu machen ist, brauchte es ein neues trojanisches Pferd um an die Daten heran zu kommen.
Denn der interessanteste und kreativste und somit verwertbarste Datenfluss fließt immer noch durch den Menschen.
Hier ein paar Richtigstellungen aus meiner Sicht
Ich las jüngst: "Das fundamentale Vertrauen in Richtig und Falsch gerät durch die Manipulation der Welt durch KI ins Wanken." - Falsch. Es ist umgekehrt. Die KI Welle hätte nicht solch einen Erfolg, wenn der Mensch nicht schon vorher systematisch in den letzten Jahrzehnten dahingehend desensibilisiert worden wäre. Politische Einflussnahme durch Falschmeldungen und gefälschte Experten-Reports in Vorkriegsstimmungen, Trollfarmen in Netzkommentarleisten, Film- und Musik-Industrie Plagiate und Fake Artists mit austauschbarer schnell produzierter Popmusik, Social Media Algorithmen, Werbung, ... Ich könnte mit der Aufzählung unendlich weiter machen. Der Konsument hat sich dahingehend lang vorher zu einem Zyniker entwickelt und empfindet den Unterschied aus seinem Erfahrungshorizont heraus nun nicht mehr so gravierend. Oder erkennt ihn kaum. Ein bereits im Vorfeld gezüchtetes Problem. Wer den ganzen Tag Fast Food isst, kann nun mal eine servierte Tiefkühlpizza im Restaurant kaum noch entlarven.
Oder: Grundsätzlich problematische Ansätze, wie "Die Technik ist schon in der Welt, es gilt sie zu regulieren." - ebenfalls falsch. Eine Technik wie diese kann man nicht regulieren. Es ist naiv zu glauben, dass das ginge. Zumal viele KI Optimisten nicht begreifen dass es hier nicht um eine wiederholte Zukunftstechnik Debatte mit den selben Skeptikern wie in früheren Zukunftsszenarien geht, sondern um eine gravierende fundamentale Veränderung des gesamten zivilisatorischen Prozesses und der Umkehr von dem was den Menschen ausmacht. Das Problem dabei ist nicht die KI sondern der Mensch. Noch einmal ziehe ich die Analogie zu Atomwaffen heran: In der Zeit der Abrüstung waren sich Vertreter aller Seiten aus gutem Grund einig, dass es nur einen Weg aus der Gefahr heraus gibt: Abrüstung.
Das Problem an der Natur der Dinge und der verdrehten Assimilation
Was frühere Generationen nicht begreifen an der neuen, der digital kontaminierten Oberfläche unseres Heimatplaneten ist, dass KI wie Corona ein Kontaktvirus ist. Jegliche Berührung damit führt zur Fortpflanzung, zu Datendiebstahl, zu unkontrolliertem Wachstum, zum Verkümmern bestimmter Denkanforderungen an Menschen (erste Statistiken belegen das bereits) und vor allem zu einem meiner Ansicht dringlich-problematischen Nebeneffekt: einer verdrehten Assimilation, in der nicht mehr das Menschliche in die Maschine fließt, sondern das Maschinelle in den Menschen. Wesen, Verhaltensmuster, Konditionierung in Rückschlüssen, und Vieles mehr.
Philosophisch betrachtet ist im Endeffekt jedoch alles Natur. Und so ist es trotz meiner Kritik nun auch KI. Ein von mir hochgeschätzter "Reisebegleiter" - möchte ich ihn nennen - in der heutigen Kulturlandschaft namens Alexander Kluge verfiel in eine für mich nachvollziehbare Fallstrick-Liaison und kokette Affaire mit einer für geistig Experimentierfreudige attraktiven KI namens "Stable Diffusion", aus der die preisgekrönte Arbeit "Der Konjunktiv der Bilder - Meine virtuelle Kamera (K.I.)" entsprang. Und so ist sie, die Natur. Und so fasziniert sie unsere ehrlichsten und aufgeschlossensten Vertreter. Mit uns meine ich die Kunst und Kultur Welt. Ohne Alexander Kluge und allem wofür er sich stark gemacht hat, wäre die Welt der Kunst der letzten Jahrzehnte eine Wüste. Das Schaffen Kluge's ist aber nur möglich durch das "Tanzen im Wind", durch das sich im Rhythmus der Zeit "wiegen" und mit der Energie um einen herum zu arbeiten. Ich will damit sagen, sein Experiment kann ich nachvollziehen.
Ein wahrer Künstler ist kein reiner Sender, oder schnöder "Produzent" von etwas. Sondern wie das Licht im Universum: eine faszinierende Reaktion auf Etwas mit daraus resultierender beeindruckender Strahlkraft. Kluge war es auch, der Schlingensief schon lang bevor dieser sich in der Kulturszene weg von reinem Enfant terrible zum anerkannten Künstler rehabilitierte hoch hielt und das in ihm erkannte, was auch ich in ihm sah: einen wichtigen Zeitzeugen und Jongleur mit Bildern der darstellenden Kunst um die Zeit zu reflektieren und zu rezensieren. Ich habe die ein zwei Diskussionen mit ihm an der Volksbühne sehr geschätzt. Ein Künstler der heute fehlt. Und ein Künstler den Kluge schätzte. Womit ich ein bestimmtes aufgewecktes positives Bild zeichnen möchte... So wundert es nicht, dass Kluge mit einer KI in einen Dialog eintritt. Nicht um Unfähigkeit durch KI zu ersetzen. Sondern um mit ihr als Figur in der Szenerie zu arbeiten. Das ist was Künstler tun. Sie treten unweigerlich in einen erweiterten Dialog. Gehen hinter den Horizont und weiter. Mit der Materie, mit dem Publikum, mit sich, mit der Vergangenheit, der Gegenwart. Und der Zukunft.
Aber das Problem daran ist, dass die Gefahr die von KI ausgeht so subtil ist, dass selbst ein wahrer Künstler nicht merkt, dass die Manipulation seiner Kunst durch die KI hier kein konstruktiver und inspirierender Dialog ist, der zu einem neuen Licht führt. Sondern eine Art Vergiftung des ursprünglich Humanen in der Kunst. Es etabliert auf subtile Art und Weise eine Form der Präzision und Emotionslosigkeit, die schwer in Worte zu fassen ist. Zugespitzt kann man das bereits an KI-generierter Musik und der Konsequenzen daraus jetzt schon gut erkennen. Das Wesentliche in allem was den zivilisatorischen Prozess ausmachte, im Guten wie in Schlechtem, ist der Mensch. Und der Kosmos im Menschen, seine Emotionen, seine vermeintlich steuerbaren und seine nicht steuerbaren Gefühle, sein Gedanken, Erfahrungen, Schmerzen, Glücksmomente, Erinnerungen, und alle Verfälschungen in ihm von all dem.
Und ein von der KI generiertes Bild, selbst wenn die KI hier nur das Instrument in der Hand eines Dialog-Künstlers ist, dem es nicht um das Bild sondern um einen Dialog - in dem das Bild nur eine Art Reaktion ist - geht, ist und bleibt für mich jedoch ein unhumanes "gerendertes" Schema und erinnert mich ein wenig an eine weitere Analogie. Seit 3 Jahrzehnten bedauere ich den damals in den 1990er Jahren notwendigen Verkauf meines Fender Rhodes '73 als ich nach Amerika ging. Es war ein Original, gebaut im Jahr meiner Geburt und konnte da es eine halbe Tonne wiegt, damals leider nicht mit. Zumal dort eines im Studio stand. Seit 2 Jahrzehnten versuche ich wieder ein Fender Rhodes zu erwerben. Vergebens. Die Originale sind alle schlecht gewartet und schlecht erhalten oder unverkäuflich (verständlich). Und die neueren sind leider nicht ausgestattet mit dem unverwechselbaren imperfekten Klang, den kleinen Fehlern und der damaligen Zeit geschuldeten Unzulänglichkeiten, die genau dieses alte Fender Rhodes ausmachte und den rotzigen Sound für meine Jazz Kompositionen warm und lebendlich machte. Auch keine noch so detailgenaue Sample-Library als Spielgrundlage kam da heran. Es ist und bleibt dieses schwer erklärbare besondere Etwas, was nur live und schwer kontrollierbar auf Tonband kommt. Bestimmte Dinge kann man nicht wirklich konservieren oder repetieren. Wie das besondere Glas Wein was am Hafen von Neapel trank und es war nie wieder wie vorher.
Das ist es, was KI nie verstehen wird. Aber genau diese Sturheit geboren aus Unfähigkeit macht etwas weitaus gefährlicheres aus solcher Technik: es dreht die Assimilation um. Die KI passt sich dem Menschen nur langsam an. Der Mensch wird sich der KI aber schnell anpassen. Die ersten Tests zeigen erschreckende Ergebnisse bei Menschen die ChatGPT nutzen. Und im Grunde tun wir alle das schon längst seit sehr langer Zeit. Sie erinnern sich vielleicht noch an was ich vorher über Stallmans Kritik sagte? Diese hatte ich nicht ohne Grund heran gezogen. Denn seine Warnung war sehr vorausschauend. Seit Jahrzehnten werden wir auf das Zusammentreffen mit KI vorbereitet und haben unlängst Denkweisen verändert im Zuge der "Computerisierung" der Welt.
Das Ende vom Lied
Im Grunde genommen war der Eintritt in die Epoche der Digitalisierung der Anfang vom Ende und die KI verkörpert das Schlusslicht in einer Transformation des Menschen weg von dem was uns im bisherigen humanen zivilisatorischen Prozess über Jahrtausende ausgemacht hat. Mit allen guten und schlechten Seiten. Der Schauspieler Ulrich Tukur bezeichnete die Digitalisierung kürzlich als „würdelos“ und sie mache den Weg zur Abschaffung des Menschen und der Vernichtung von Kunst frei. Etwas verkürzt ausgedrückt, kann ich dem aber zweifelsfrei zustimmen.
Da die heutige Technik- und Wissenschafts-hörige Welt das Phänomen der Inspiration leider maßlos unterschätzt, ist es heute nur noch schwer vermittelbar was passiert, wenn Inspiration nicht mehr aus dem Menschen selbst entspringt - wir das Ur-humane in uns auslöschen. Kunst und Kultur sind Ausdruck dessen was den Menschen ausmacht. Völlig egal ob man sich persönlich als Kulturbanause betrachtet oder nicht. Menschen sind sich im Alltag oft gar nicht bewusst, wie viel sie regelmäßig mit Kunst und Kultur in Berührung kommen und wie viel davon ihr Leben und Denken im jetzigen Leben, aber auch über Generationen davor, beeinflusst hat.
Wenn uns die Geschichte eines gelehrt hat dann: Hochkulturen kommen und gehen. Vielleicht hat unsere Spezies seinen Zenit überschritten...
Add new comment