"Netanyahu campaign posters in Jerusalem". Wahlplakat von Benjamin Netanyahu in Jerusalem. | photo by David Shankbone | provided by Wikimedia Commons | © CC BY 3.0
Eine scheinbar simple Frage mit Million Antworten: Ab wann ist Israelkritik antisemitisch (Eine Debatte voller Ressentiments) -
Die des nicht unumstrittenen US-Demokraten Bernie Sanders bekannt gewordene Worte "Kritik am Vorgehen Israels ist kein Antisemitismus" im Rahmen seiner kritischen Ansprachen zum jüngsten Nah-Ost-Konflikt sind im Hinblick der derzeit kursierenden Debatten, sowie der langen Geschichte der Judenverfolgung und auch auf die zivilen Tragödien in den Kriegsgebieten und dem nachweislichen Anstieg antisemitisch motivierter Vorfälle in Deutschland hin, nicht einfach zu rezensieren. Sie sind beispielhaft und haben eine grundlegende aber letztendlich weitreichende Frage zur Folge. Weitreichender als es vielleicht erst einmal den Anschein haben mag. Eine erst einmal simple klingende Frage, die aber je nachdem wer Ihnen antwortet und wie, gar nicht so dumm ist, wie manch ihrer Antworten.
Ab wann ist Israel-Kritik antisemitisch?
Ein Gros der Demonstranten für Unterstützung Palästinas würde diese Frage wahrscheinlich sofort mit "niemals!" beantworten. Und seit dem wiederholten Bombardement von Beirut dürfte die Stimmung in dem Lager nicht besser geworden sein. Während Antisemitismus-Beauftrage und Experten zur Geschichte der Judenverfolgung vielleicht "eigentlich immer" sagen würden.
Election Campaign Poster des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. (Standbild aus Pressetermin/Interview) | © Fair Use gem. der Schrankenbestimmungen in Deutschland.
Erstere mit dem Argument, dass der Staat Israel nicht alle Juden repräsentiere und ja auch viele Juden - meist jene im Ausland lebend - das derzeit erbarmungslos wirkende Vorgehen Israels verurteilen. Zweitere sehen darin aber versteckten Antisemitismus und argumentieren damit, dass Antisemitismus historisch nachweisbar eine "schlafende" Haltung ist, die nur bei gegebenen Anlass geweckt werden müsse, wie im jetzigen Nah-Ost-Konflikt zu sehen ist. Und Kritik am Staat Israel indirekt und vielleicht auch nicht immer offensichtlich Kritik am Zionismus sei. Und dieser wiederum sei ja nun mal stark mit der Vorgeschichte eines seit Jahrtausenden verfolgten Volkes auf derer Flucht und der Tragödie ihrer Heimat verbunden. Zu dem Missverständnis bezüglich Zionismus und wie dies auch in der Linken Partei zu einem Eklat führte, später mehr.
Nicht selten findet man in diversen Refugien des Spektrums dann noch den O-Ton, dass das doch letztendlich alles nur "Wortklauberei" sei sich darum zu streiten wie man es nennen soll. Da ginge es doch nur darum den anderen mundtot zu machen. Grundsätzlich würde ich solch Äußerungen ja gern recht geben. Denn zu oft wirken solche Debatten ja fast schon hirnrissig und ähneln einer Freitagsversammlung der "Laubenpieper" im Streit um die Breite der Rasenkante in Vorgartensiedlungen. Und es ist nicht unwahrscheinlich, dass solche "Wortklauberei" auch schon mal als Totschlag-Argument in einer Debatte missbraucht wurde. Ich höre Broder schon sagen "Das ist doch alles Humbug!"
Wenn da nicht die dunkle Wolke einer Historie voller Antisemitismus und Judenverfolgung über unseren Köpfen schweben würde. Nicht erst seit dem Nationalsozialismus und dem schlimmsten Genozid der Menschheitsgeschichte, dem Holocaust. Es begann im Grunde schon in dem Moment wo israelitische Stämme sich in der Levante zusammentaten und gegen die Fremdherrschaft Roms aufbegehrten und es in der Niederschlagung der jüdischen Aufstandsbewegung durch die Römer sowie der Vertreibung aus Palästina und dem Siedlungsverbot in Jerusalem mündete. Und fand seine jüngste Ausartung in der Ermordung von ca. 1200 Zivilisten (inklusive Kindern, Jugendlichen und zu Tode vergewaltigten Mädchen, Frauen) im südlichen Israel am 7. Oktober 2023 durch die Hamas. Mit 1182 überwiegend jüdischen Todesopfern der größte Massenmord an Juden seit dem Holocaust. Protokolle von brutalsten Vergewaltigungen, gefilmt bei den Männern mit aus dem Schritt verblutenden und bis zum Tode vergewaltigten Mädchen und Frauen. Eine von den aufgeregten Demonstranten gegen Israels durchaus kritisch zu betrachtendem Vorgehen scheinbar vergessene Geschichte. Und damit meine ich nicht nur die Jüngste. Aber wo war da der große weltweite Aufschrei?
Und der Missbrauch von Themen und deren Debatten macht Debatten nicht irrelevant. Wenn dem so wäre, wäre zu ziemlich jede Debatte heute nicht mehr relevant. Es gibt kein Medienereignis, kein Thema, keine Rhetorik, die heute nicht schon irgendwann und irgendwo okkupiert, missbraucht, entlehnt oder als unfaire argumentative Waffe genutzt wurde. Das muss in Einzelfällen offen gelegt werden. Aber es darf die Debatte, wenn sie denn wichtig ist, nicht schmälern. Und so auch die Frage inwieweit ist Antisemitismus leider immer noch Teil des Diskurses und ab wann ist Israel-Kritik antisemitisch motiviert. Und es bleibt nun mal zu befürchten, dass manch einer es selbst gar nicht reflektiert.
Die unreflektierte und zum Teil bedenkliche Nutzung des Ausrufs "Free Palestine"
Bei einem Attentat auf Mitarbeiter der israelischen Botschaft in Washington, D.C. wurden am 21. Mai 2025 zwei Botschaftsmitarbeiter vor dem Capital Jewish Museum erschossen. Jungen Menschen die sich für den Dialog zwischen Israel und Palästina einsetzten. Sie müssen sich das mal vorstellen: Sie werden auf offener Straße einfach dafür erschossen dass Sie Jude sind. Und jetzt drehen Sie das Bild einmal kurz um: Wurden nach dem Massenmord durch die Hamas in Süd-Israel irgendwo in der Welt Palästinenser auf offener Straße erschossen? Einfach nur weil sie Palästinenser sind? Merken Sie nun was ich mit "schleichenden Antisemitismus" meine? Ein tatverdächtiger 30-jähriger Mann wurde noch am Tatort festgenommen. Bei seiner Festnahme rief er laut „Free Palestine“, wie auf Videos im Netz zu sehen war. Die Tat ereignete sich nach einer Veranstaltung des American Jewish Committee, bei der junge Diplomaten zusammenkamen. Die beiden Opfer waren die 26-jährige US-Amerikanerin Sarah Milgrim und ihr 30-jähriger deutsch-israelischer Freund Yaron Lischinsky. Milgrim organisierte Programme zur Förderung des Dialogs zwischen Israelis und Palästinensern und Lischinsky war Mitarbeiter im politischen Bereich der Botschaft. Laut dem israelischen Botschafter in Washington, Yechiel Leiter, hatte Lischinsky vor, sich demnächst mit Milgrim zu verloben. Er hatte ihr in der Woche zuvor einen Verlobungsring gekauft.
Wem nicht klar ist, dass solche Ereignisse kein Zufall und auch nicht einfach nur Protest gegen israelische Kriegsführung darstellen, sondern etwas Tieferliegendes offen legt, was hier nur durch die (durchaus kritisierbare) Kriegsführung Israels zu tage kommt, hat offensichtlich in seinem Leben nur an Protesten gegen Kriegsführung teilgenommen, wenn diese sich gegen Israel richteten. Ich habe diverse Kriege und Kriegsführungen die nicht im Einklang mit der UN-Charta waren kritisiert (so auch die israelische) und habe dabei keine Unterscheidung zwischen Ländern oder Kulturen gemacht. Die traurige Wahrheit die einige aber nicht sehen wollen ist: es werden Unterschiede gemacht. Und genau da liegt möglicher Weise ein Problem. Und das hat nichts damit zu tun, dass "Deutschland sich historisch bedingt nicht traue Kritik an Israel zu üben". Es hat damit zu tun, dass wir bei allen vermeintlich präventiven Angriffskriegen auf globaler politischer Ebene oft und so auch hier im Rahmen der internationalen Rahmenbedingungen Kritik üben. Aber nirgendwo sind Proteste und Gewalt gegen alle Menschen die mit der zu kritisierenden Nation in Verbindung zu bringen sind, in irgendeiner Weise zu rechtfertigen. Ich hatte auch mehrfach angeregt doch bitte zu differenzieren, als Russen die in Deutschland leben plötzlich terrorisiert wurden oder als Künstler gar Auftrittsverbot bekamen, als der Angriffskrieg auf die Ukraine ausbrach.
Der Ausruf "Free Palestine" ist insofern problematisch, dass er den anhaltenden Konflikt und die vehemente nicht enden wollende Bedrohung die von der Hamas und anderen Gruppierungen in der Region ausgeht, die sich hinter ihrer Zivilbevölkerung verstecken, dabei ignoriert, und keine Lösungen anbietet. Sondern lediglich den Konflikt indirekt aufrecht erhält. "Free Palestine" wurde auch von den Garden gerufen die in Israel eingefallen sind. Es gibt genug Aggressoren in der Region, die fest davon überzeugt sind, dass Israel das heilige Land nicht gehöre. Und genau deshalb ist dieser Ausruf kein Symbol für Frieden. Es ist ein Kampfbegriff. Und dieser steht in nicht zufälligem Kontext zum Zionismus. Wie klug das damals war, genau an diesem Standort den Staat Israel zu errichten und wie viel Sinn es ergibt, dass täglich Menschen sterben müssen, weil sich andere uneinig darüber sind, wem dieses religiöse Lang gehöre, ist sicherlich noch einmal ein ganz anderes Thema. Und dass Israel derzeit von Hartlinern regiert wird auch. Aber das ändert nichts an der offenen Frage dieses Essay.
Antisemitismus vs. Antizionismus ?
Und selbst wenn die Welt dieser komplexen Frage heute eine klare Antwort schuldig bleibt, ist die Frage dennoch wichtig. Sie kann auch helfen sich selbst darin zu orten und zu überprüfen welchen Ressentiments man eventuell unbemerkt erlegen ist, geehrter niedersächsischer Parteiverband der Linken. Eine der Haupt-Distraktoren - so möchte ich es mal nennen - ist vielleicht das Wechselspiel zwischen Anti-Semitismus und Anti-Zionismus. Wie das Missverständnis und das Ausmaß des Ausrufes "Free Palestine" ja aufzeigt und eine jüngst ausgestrahlte Sendung von Lanz ganz gut verdeutlicht. Eine scheinbar nicht unerheblich verwirrende "Unter-Debatte" zu der Frage, wie die Linke bitter lernen musste.
Fair enough: Verdeckter Antizionismus sollte nicht gleich unter Generalverdacht gestellt werden. Zumal viele Menschen sich nicht hinreichend mit allen Aspekten zum Thema Israel gut genug auskennen um zu verstehen was Zionismus überhaupt ist und in welchen ausgeprägten Formen es ihn gibt. Immerhin ist Israel mit Abstand das Land mit der größten Parteienvielfalt in der Welt und jede Partei definiert ihn anders. Es ist - wie leider oft - komplizierter als das.
Ja auch ich hatte ein wenig Bauchweh mit Lanz' Vorgehen gegenüber einer Linken Parteichefin, in dem er ihr versuchte Zionismus/Anti-Zionismus zu erklären und sie dazu drängte ihren niedersächsischen Parteiverband offen in der Sendung als antisemitisch zu bezeichnen. Selbst wenn dies ein nachvollziehbarer Diskurs ist und die Linke dazu durchaus Stellung beziehen muss und dies wohl nun auch tut (Update: Und es dann wohl ein weiteres Mal tun musste). Aber ungeachtet dessen ist schon alarmierend wenn einer Partei, die auf den Säulen von "Nie wieder NS-Zeit" aufbaut, der Antisemitismus-Beauftragte davon rennt. Merken Sie wie die Dinge sich in der Kette zuspitzen können? Deshalb ist die Frage so simple wie sie klingt, nicht einfach zu beantworten, aber umso wichtiger. Ich würde zu gern Samuel Maoz, dem israelischen Filmregisseur des kritischen Films "Foxtrot" dazu interviewen, der zwar auch viel Zuspruch aber auch viel Kritik in Israel erfuhr.
Ich denke Lanz ging es in dieser Sendung explizit darum, dass Menschen in solch aufgebauschten Konflikt-Situation schnell in eine bestimmte Richtung (über)kippen können, und diese Sorge teile ich. Und für ihn war sicherlich beispielhaft zu erleben, wie Gysi da innerhalb der Linken in Geiselhaft genommen wurde nach seiner unvorsichtig formulierten Sorge bezüglich bedenklicher Entwicklungen und Verdacht auf Antisemitismus in einem Flügel der Linken Partei. Interessanter Weise wird ihm dabei Rassismus vorgeworfen weil er im Zuge dessen ein Zuwachs bestimmter Bevölkerungsgruppen in der Partei mit in diese Entwicklung einbezieht. Oder zumindest fragt, ob es einen Zusammenhang geben könnte. Deshalb ist einige interessante Zusatz-Frage inwiefern Rassismus und Antisemitismus gleichzusetzen sind und wie umgekehrter Rassismus funktioniert.
Es ist das alte Lied, welches ich nur allzu oft herbei zitiert habe: Der schlummernde Groll in Menschen erwacht, wenn sich eine Gelegenheit bietet. Und diesen zu hinterfragen ist richtig und wichtig. Denn dass die Zahl antisemitisch motivierter Vorfälle in Deutschland einem Bericht zufolge erneut drastisch gestiegen ist, seit dem erneuten Ausbruch des Konflikts, ist ein Indiz dafür, dass es diesen Menschen nicht um das Leid der Palästinenser geht. Es geht die berechtigte Sorge um, dass verdeckter Antisemitismus sich nun wieder versteckt hinter Israel-Kritik Bahn bricht. Diese Gefahr sehe ich auch. Und somit wird die Beantwortung der Eingangsfrage schon kompliziert. Denn es lässt sich nun mal nicht leugnen: Israel wird gerade von einem rechts-konservativen Parteien-Bündnis regiert welches Zionismus extrem auslegt und welches auch Israelis kritisch sehen. Aber Antizionismus ist dann problematisch wenn dieser alle zionistischen Bestrebungen über einen Kamm schert.
Wenn man sich so Netz-Kommentare durchliest, wie zum Beispiel: "Antisemitisch ist es Israel mit Juden gleich zu setzen" könnte man meinen, die Debatte würde auf der Straße schon auch hin und wieder ausdifferenziert geführt. Einseitig klingt das erst einmal nicht. Solche Aussagen berufen sich dabei auf die Rassismus Definition, dass wenn man verallgemeinernd und alle Menschen einer Gruppe in Haftung nimmt für eine Unstimmigkeit oder Kritik an Einzelnen, dann ist es halt genau dieser feine Unterschied, den es dann zu Rassismus macht. In dem Fall zu Antisemitismus. Aber wie vorher schon erwähnt eine nicht abgeschlossene Frage: ist Antisemitismus eine Erweiterung des Rassismus oder gar gleichzusetzen? In welchem Verhältnis Antisemitismus und Rassismus zueinander stehen, wird seit Jahrzehnten in der Wissenschaft als auch in der politischen Bildung kontrovers diskutiert.
Ein Gedankenspiel: Was wäre wenn wir das Zitat von Bernie Sanders "Kritik am Vorgehen Israels ist kein Antisemitismus" einmal kurz zur Verdeutlichung und um aus der heißen Küche heraus zu kommen umschreiben in "Kritik am Vorgehen der Türkei gegen Minderheiten im Land ist kein Rassismus gegen Türken". Das klingt doch eigentlich erst einmal einleuchtend, oder? Auch wenn ich im Internet schon mal froh bin, dass es doch noch Menschen zu geben scheint, die zwischen einzelnen Menschen, Staaten und Kulturen zu unterscheiden versuchen, ist das Problem aber weitaus komplizierter als das, wenn dann nach dieser Aussage plötzlich Übergriffe auf Türken in Berlin die Folge wären. Und ein Landesverband der Grünen plötzlich ein anti-türkisches Pamphlet veröffentlichen würde. Oder etwa nicht? Nur dass Israels Geschichte und die eigentlichen Ziele der Angriffe Israels in der Unterscheidung eine tragende Rolle spielen. Auch wenn immer auch die Gefahr der bewusst geschürten "Zielscheiben-Dramaturgie" besteht, und das möchte ich niemals ausklammern, scheint das von freigeistigen Iranern kritisierte Mullah Regime im Iran im Gegensatz zu den Kurden in der Türkei aus Sicht diverser Beobachter keine unterdrückte Minderheit zu sein.
Für viele Bedenkenträger greift diese vermeintliche "Ausdifferenziertheit" deshalb nicht tief genug und "die Kritik am Vorgehen Israels ist einerlei, müsse aber auch auf indirekten Antisemitismus hin geprüft werden". Das sehe ich auch so. Denn dann kommt das Argument, welches auch ich oft anbringe, und welches derzeit viele Gemüter erhitzt: Man darf halt die Vorgeschichte und die demografische Situation Israels dabei nicht ignorieren. Ungeachtet der Differenzen im Vorgehen. Ob das nun jeder nachvollziehen kann oder will, oder eben nicht: dem muss ich aus Kenntnis über die Lage in Nahost zustimmen. Auch wird ausgeblendet wen oder was Israel da eigentlich angreift.
Doppelmoral bei der Akzeptanz von sogenannten Präventiv-Schlägen?
Ein sogenannter "WhatAboutism" und eigentlich ein anderes Thema, was ich aber nicht versäumen möchte einzubringen ist, wie sich Narrative bezüglich präventiver Angriffe häufig verschieben. Wir erinnern uns noch an die im Nachhinein als zweifelhaft eingestuften Dokumente, die den Eintritt Deutschlands in den Kosovo-Krieg rechtfertigten, und den selbst Bundeskanzler A.D. Gerhard Schröder heute als falsch einstuft? Oder die bis heute nicht 100% als sicher eingestuften Dokumente die den Einmarsch im Irak rechtfertigen sollten?
Und als Putin erklärte, er habe präventiv auf Grund der demografischen Lage und Bedrohung durch die NATO Osterweiterung und den Stellenwert der Ukraine im Kontext der globalen Kräfte, die Ukraine angegriffen und auch die gemeinsame Geschichte der Länder dabei herangezogen, war dies aus westlicher Sicht völlig inakzeptabel. Obwohl diverse pro-westliche und anerkannte Analysten und Regierungsberater im Weißen Haus mehrfach davor warnten was die Bedeutung der Ukraine für Russland ist und mahnend vorab zur Kenntnis gaben, was passiert wenn wir ungehemmt die Ukraine umgarnen. Wir taten es aber trotzdem und als die Quittung dafür kam, war die Begründung von Seiten Russlands inakzeptabel und reine Propaganda. Aus rein analytischer Sicht und ungeachtet der zweifelfrei zu verurteilenden Kriegstreiberei, finde ich diesen Punkt aber schon nicht unerheblich im Gesamtüberblick. Was mich zu dem nächsten Punkt in diesem "Überblick" führt:
Wenn Israel auf gleiche Weise argumentiert im Rahmen der Bedrohungs-Einschätzung und dessen wie umkreist sie sind von Ländern die sich eindeutig als Feinde Israels zu erkennen geben, ist die Kritik an dieser Argumentation im Rahmen der Debatte um Menschenrechtsverletzungen durch Israel plötzlich nicht hinnehmbar. Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte damit nicht aufzeigen, dass die Argumentation nicht zu rechtfertigen sei. Ich möchte nur aufzeigen, dass im Zuge der Empörung und der Verletzung von Menschenrechten plötzlich nicht mehr klar gesehen und Dinge nicht mehr ins selbe Verhältnis gestellt werden. Wir setzen Maßstäbe, und wundern uns dann, dass diese dann auch genutzt werden. Und gern auch in Debatten missbraucht werden. Das ist zu großen Teilen ein "hausgemachtes" Problem.
Warum ich Putins Angriff auf die Ukraine als Beispiel Israel gegenüberstelle, ist vielleicht nicht gleich jedem offensichtlich. Beide Länder, oder zumindest jene Insassen, die die Militär-Operationen ihrer derzeitigen Anführer befürworten (was in beiden Fällen nicht alle sind), sind im Grunde in einer subtilen Kombination aus vielleicht gerechtfertigten aber vielleicht auch nicht gerechtfertigten Verfolgungswahn und Revisionismus gefangen. Ob begründet oder unbegründet, möchte ich hier jetzt nicht in Frage stellen. Das ist ein anderes Thema. Aber in beiden Ländern klingt das Wort "Wiege der Nation" mit. Klar, der Unterschied ist, dass Putin an den Grenzen der EU entlang "schrammt" und sein Volk nicht über Jahrtausende verfolgt wurde. Auch wenn man in der westlichen Hemisphäre schon von einem offenen Anti-"Russismus" sprechen kann. Und das nicht erst seit der US-Karikaturen vom Russen auf dem Bären reitend, oder der Angst vor dem Kommunismus im Kalten Krieg.
Ressentiments gegenüber Staaten oder Kulturen werden bei zu kritisierendem Verhalten sichtbarer
Ich erläutere dies alles aus Beobachtungen in der Debatte heraus um den Diskurs anzuregen und aufrecht zu erhalten. Also bitte keine Haltung voreilig hinein interpretieren. Aber mein zuvor genanntes Beispiel ist kein Zufall. Ich denke dass es Parallelen zwischen dem Antisemitismus und einer in westlichen Welt ausgeprägten Russophobie gibt. Beides steht im ständigen Seilziehen der Ethik im Rahmen der Kritik an den Ländern in ihrem militärischen Vorgehen.
Und während ich einen weiteren gemeinsamen Hintergrund Israels zu Russland bedenklich finde, nämlich gewisse Hardliner an der Macht und dessen Rechtfertigung aggressiven Vorgehens, die den ganzen Ressentiments nicht gerade entgegen wirken, sehe ich aber leider in vieler Kritik in der Debatte um Israels derzeitige Außenpolitik und Kriegshandlungen schon oft eine Art versteckten Antisemitismus (während man Antisemitismus und Russophobie nicht wirklich gleichsetzten kann- zumal auch Russland sich mit Antisemitismus in seiner Geschichte auseinander setzen muss). Ich sehe trotz meiner Kritik am Vorgehen der israelischen Regierung auch die indirekte Gefahr, die Israel permanent rundum ausgesetzt ist. Während ich aber auch die Schicksale der Menschen auf den Straßen, die auf beiden Seiten am meisten darunter leiden, sehe. Aber ich fürchte da wiederholt sich die Geschichte der Menschheit. In Konflikten geht die Ausdifferenziertheit und Menschlichkeit als erstes flöten. Ich möchte nicht zu zynisch wirken, aber es kommt einem fast so vor als wolle niemand Frieden in dieser Region.
Update: Und der Paradigmenwechsel dass Israel die Todesstrafe für verurteilte palästinensische Attentäter beschließt – läßt jüdische Stimmen tief gespalten. Und meine auch ...
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