Die Flinte aufs Korn genommen | FASSETTE.NET

  • Doppelmoral und Ethnozentrismus
  • Christoph Schlingensief
  • Auf der Straße der Intoleranz sich selbst und den Fremden gegenüber gelangt der europäische Kulturheilsbringer zu der Erkenntnis: Eine Gesellschaft von Selbstbeschädigten kompensiert in Hilfsaktionen für Afrika lediglich Unfähigkeit, sich selbst zu heilen

Hamburg, Kampnagelfabrik: "Intolleranza II", ein typischer Name für ein Stück von Schlingensief, gezeichnet von seiner Krebserkrankung, ein ausgezerrter knochiger Körper, schmales Gesicht - der freche Junge ist aus dem Körper verschwunden - Es ist Premierenabend.

Meine Gedanken zu diesem Projekt sind unlängst zwiespältig. Seine vielleicht auch? Beides hat ihn vielleicht an einen Punkt schonungsloser Einsichten gebracht. Was den Regisseur und Performing Artist aber nicht davon abhält, in der neuen Produktion "Via Intolleranza II" dem Publikum seine Wahrheiten wie gewohnt mit Energie und Selbstironie vor den Latz zu knallen. Erst Uraufführung beim Brüsseler Kunstfestival Mitte Mai, dann die gefeierte Deutschland-Premiere in der Barmbeker Kulturfabrik.

Zieht Schlingensief in der Collage mit Akteuren aus Burkina Faso und Europa eine Bilanz seiner Erfahrungen mit dem von ihm angestoßenen afrikanischen Operndorf-Projekt "Remdoogo"? Verwundern täte es mich nicht. Selbstkritisch, auch wütend erzählt er von der eigenen Naivität, vom Versagen der europäischen Kunst vor der Kraft der afrikanischen Kultur und harten Lebensrealität. Ehrlich gesagt, waren solche und ähnliche Gedanken auch mein erster Wermutstropfen, als ich damals von dem Projekt erfuhr. Bis heute vermied ich, wenn man mich dazu befragte, direkte Einschätzungen oder Meinungen zu dem Projekt meinerseits abzugeben. Im Hamburger Abendblatt hieß es: Ähnlich dem revolutionären, für Gerechtigkeit kämpfenden Bergarbeiter und Helden in Luigi Nonos szenischer Aktion "Intolleranza 1960" ist Schlingensief als eine Art sendungsbewusster "reiner Tor" des guten Willens nach Burkina Faso ausgezogen, um die "armen Afrikaner" durch ein europäisches Kulturprojekt zu "erleuchten". - Mit Remdoogo, dessen Grundstein er Anfang Februar legte, und womit er hierzulande für sich reichlich Werbung machte, schien er wohl auch nebenbei dem seit seiner "Parsifal"-Inszenierung verhassten Festspielhaus Bayreuth Eins auswischen zu wollen und - ja einige gehen sogar soweit zu sagen - sich ein Denkmal setzen zu wollen.

In Anspielung auf den Erlöser und den Kreuzweg, die Via Dolorosa, erzählt Schlingensief in "Via Intolleranza II" von "seinem" afrikanischen Leidensweg und den Foltern der Krebsbehandlung ohne das Publikum zu schonen. Geschont werden will heute auch keiner mehr. Dennoch, für mich schwierig als Motiv für eine Inszenierung zu akzeptieren. Das Bedürfnis seiner Aufarbeitung aber nachvollziehbar. Auf der "Straße der Intoleranz" sich selbst und den Fremden gegenüber gelangt der europäische Kulturheilsbringer zu der Erkenntnis: Eine "Gesellschaft von Selbstbeschädigten" kompensiert in den Hilfsaktionen für Afrika lediglich ihre Unfähigkeit, sich selbst helfen zu können... - Nun, das finde ich etwas voreilig. Hier um sich zu "schießen", nur weil man selbst vielleicht etwas zu naiv an die Vorstellung heran gegangen ist, "Etwas gutes" für Afrika zu tun. Das trifft nicht automatisch auf Mehrheiten zu, die aus der westlichen Welt heraus versuchen in Afrika zu helfen. Ich bin selbst seit 4 Jahren mit einem sehr aufwühlenden Projekt im Zusammenhang mit der Ausbeutung der DR Kongo beschäftigt, und habe dabei eine Menge Menschen kennengelernt, die mit Hingabe, und ohne jegliche Vorurteile, ohne dem Glauben und der Doppelmoral, die Menschen dort seien einfach nur hilfsbedürftig, sondern auf Augenhöhe mit den Menschen, vor Ort zusammenarbeiten.

Nein! Ihre Motivation ist nicht immer der Exotismus oder die Flucht vor sich oder ihrer eigenen Kultur, sondern manchmal wirklich die Erkenntnis, dass ihresgleichen es waren, die dort das Elend geboren haben, und es jene/unsere Aufgabe ist, es wieder zu beenden. Gut, wenn das persiflierte ethnozentristische hierarchische Hilfssyndrom von Europäern in Afrika eine Mahnung an ihn selbst gewesen sein sollte, dann kann ich seine Persiflage noch verstehen. Aber zu viele Menschen haben ihr Leben gelassen, bei dem aufrichtigen Versuch zu helfen, die Uhr zurück zudrehen, als dass ich exotisch motivierte Afrikahilfe als Entlarvung (zumal nicht neu) auf der Bühne allein so annehmen kann. ...

Ohne (den Europäer!) Morel zum Bespiel, wüssten wir bis heute nichts von den Gräueltaten, den größten Verbrechen an der Menschheit, die seit der Aufzeichnung von Geschichte im Kongo begangen wurden (Morel-Reports). Der Kongo, so groß wie Mitteleuropa, hat bis heute mehr Menschenleben zu betrauern, als unsere beiden Weltkriege zusammen. Innerhalb kürzester Zeit hat es der belgische König geschafft, 2 Drittel der gesamten Bevölkerung in den Urwäldern abzuschlachten, als wäre es Vieh. - 2 Drittel! Versuchen Sie sich 2 Drittel von Mitteleuropa tot vorzustellen!

Vorsicht und geopolitische Kenntnis ist hier gefragt, bevor man zu diesem Thema etwas auf die Bühne stellt. Ist nur meine Meinung. Und ich bin weiß Gott nicht einer von diesen kategorischen Schlingensief-Ablehnern und Naserümpfern. Im Gegenteil, vieler Orts habe ich gegen die konservativen Lager in Kunst und Kultur Schlingensiefs Versuch etwas Neues zu machen regelmäßig verteidigt. Ironischer Weise seitdem die Weltöffentlichkeit mehr Kenntnis von ihm nimmt und er ein Buch über seine Krebserkrankung schrieb, bin ich vorsichtiger geworden. Zu viele unkritische "Fans" versammeln sich allmählich um ihn herum, bedauern sein Krebsleiden offen auf Webseiten und schreiben ihm Trauerbriefe, wie dem Kopf einer Boygroup. Eine - geht man von seinen Motiven aus - abzulehnende Anhängerschaft, die er aber mit seiner jüngsten Arbeit erschuf. Zu heikel erscheint mir jetzt das kategorische Verteidigen seiner oft gewagten Symbolik, die bei mangelndem Wissen des Zuschauers leicht in falsche "Hände" (Köpfe) geraten kann. Vor allem im großen Stil. Je mehr Zuschauer etwas hat, um so mehr erwarte ich Verantwortung vom Protagonisten bezüglich sachlicher Zusammenhänge.

Schlingensief. Oft verfocht ich ihn gegen den staubigen Salontheaterklüngel. Oft verfluchte ich ihn, wegen seiner Kritik-resistenten "Fans". Abgemagert, knochig. Gezeichnet vom Krebs ... und geborgten Idealen? Ist er nun doch auf der Suche nach sich selbst? In "Das Tagebuch des Leander Brink" sagte mein Protagonist einst: "Ich kämpfe unter Schmerz am besten. Man ist konzentrierter. Irgendwie klarer. Alles überflüssige fällt von einem ab. Wie von Sinnen tragen einen die müden Füße direkt ins Ziel" Ich kenne das Gefühl. Ich meide es, und doch, wenn ich drin bin, schätze ich es. Aber ich schätze, Schlingensief hatte diesmal keine Wahl. Und hätte er eine gehabt, hätte er es sicher gern vermieden.

Weiße Gardinen - die an Brecht erinnern - verbinden das Durcheinander aus Stühlen und Tischen, einem Schaukasten, und anderen Requisiten auf der Bühne. Sie dienen auch als Leinwand für Projektionen des Operndorf-Modells oder Passagen aus dem italienischen Stummfilm "L'Inferno" von Giuseppe De Liguoro. Für mich ein wenig zu viel selbst recycled'te Inhalte. Als heiße Hölle haben die "Weißnasen" die Savannen-Gebiete empfunden und mehr als einmal dachte Schlingensief an Flucht im Taxi und fragte sich bei den Proben zynisch nach dem Sinn des absurden Unternehmens. Aber: "Kunst definiert sich durch die Unwahrscheinlichkeit ihres Zustandekommens", so heißt es an einer Stelle. Nun, das teile ich! Die höhnische Satire auf Luigi Nonos Utopie von der Revolution durch experimentelle Musik scheint gelungen. Mit der "Fat African Mama" oder dem kleinwüchsigen "Amado Komi" zitiert Schlingensief parodistisch Carl Hagenbecks "Hamburger Völkerschauen" aus dem vorigen Jahrhundert, demaskiert durch ausgestellte Übertreibung in seiner "Show" den Exotismus und Rassismus, den es sicherlich Zweifels ohne heute noch gibt.

In der "Einführung in den europäischen Kultur-Kodex" nimmt er den eurozentristischen Blick und post-imperialistischen Gestus der französischen "Tanzförder"-Programme in Westafrika aufs Korn. Köstlich. Ein satter weißer Tänzer demonstriert einem afrikanischen Kollegen, was er alles tanzen kann: Armut, Liebe oder Hunger. Er benutzt dabei Ballett-artige Trippelschritte und klassisch zierliche Gestik und Körperverrenkungen. Dann der Konter: Der afrikanische Tänzer Soura zieht dagegen beim "Hunger-Tanz" nur seinen Bauch ein und verzerrt mit weit aufgerissenem Mund sein Gesicht zu einer Grimasse des Verzweifelns. Einfach und bewegend, so wie Munchs "Schrei". Soll heißen: Ohne die Kraft des Lebens ist eben die Kraft jeder Kunstform tot. Sehr schön. Bilder zu denen man schnell geneigt ist mit dem Kopf zu nicken. Besonders als Kunstschaffender. Doch Vorsicht. Was wird zu erst gekürzt, wenn Geld fehlt? Kunst und Kultur. Unlängst wissen wir aber, dass Kunst und Kultur kein Luxus-Gut ist, wie zwischenzeitlich angenommen, und wie viele Intellektuelle und Künstler im Zuge der letzten Jahrzehnte immer wieder diskutierten, wenn es um die Frage der sozialen Gerechtigkeit ging. Kunst und Kultur ist inzwischen ein akzeptierter starker Teil der zivilisatorischen Gestik, auch in harten Zeiten. Goethe war es, der als erster diese Formen am Himmel als Sternenhaufen bezeichnete. Jule Verne beschrieb lange lange vor dem ersten Bau in seinen Büchern fahrbare Untersätze, wie Raketen und U-Boote. Voltaire und viele andere zum Teil nicht gerade wohlhabende Kunstschaffende haben die menschliche Zivilisation entscheidend mit ihren Visionen mitgeprägt. Ja! Auch ich gebrauche oft solche Symbole um Fragen zu stellen. Aber nein! Ballett steht nicht immer in einem ironischen Kontext zur Armut in Afrika. So wie das zerstören alter Kirchen kein Akt neuer Menschlichkeit für die armen Bauern wäre, die die Kirchen damals unter Androhung von Folter erbauten. Im Gegenteil, dann wären sie nämlich, zusätzlich zu der damaligen Ungerechtigkeit, obendrein auch noch umsonst gestorben. Duale Koordinatensysteme von Gut und Böse funktionieren hier einfach nicht. Haben eigentlich noch nie funktioniert. So herum nicht, und auch andersherum nicht.

Doch was ich an ihm schätze: Weil Christoph Schlingensief seine Kunst lebt, bleibt sie nah an ihm dran und verändert sich damit ständig mit ihm. Widersprüche zu früherem Schaffen werden offen hingenommen. Er weiß vielleicht nur zu gut: Das Publikum will trendy, "hipp" und politisch korrekt zugleich sein, wenn es seine "Shows" besucht. Dabei ist "Via Intolleranza II", verglichen mit seinen vorigen Projekten, viel weniger seiner Performing Art Shows, als eher eine irritierende, direkte Abrechnung mit sich selbst und den falschen Idealen eines selbstbezüglichen Gutmenschentums und falschen Kulturmessianismus. So weit so gut. Da schwingt er aber mit den neuen Zynikern aus der ehemals linken Ecke heute unlängst im gleichen Takt. Auch hier sehe ich wieder die Gefahr von einem Rückfall auf dualistische Weltbilder, nur halt anders herum. Ich betrachte dies nicht als Kritiker oder Künstler, sondern als reflektierender Zuschauer. Mehr maße ich mir nicht an. Mit "Via Intolleranza II" - eingeladen zu den Wiener Festwochen, an die Bayerische Staatsoper München und mit der Operndorf-Installation "Remdoogo" zu den Kunstfestspielen Herrenhausen in Hannover - kann und will er sich den Spott über den Kunstevent-Zirkus, aus dem er vergeblich versucht auszubrechen, nicht verkneifen. Seiner irritierten, saturierten Bildungsgemeinde erteilt er zum Abschluss noch rasch eine charmant-höfliche Abfuhr: "Vielen Dank für Ihr geheucheltes Interesse." Hier muss ich ihm unweigerlich applaudieren.

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    Für sein Stück "Via Intolleranza II" hat Schlingensief eine Gruppe junger Künstler im Rahmen seines Operndorf-Projekts in Burkina Faso gecastet, um es in Brüssel, Hamburg und München auf die Bühne zu bringen. (c) Fassette.net 2015

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