Abbildung von Streikende Textilarbeiterinnen in Crimmitschau 1904

Crimmitschau, 18. Januar 1904 | Fotografie
Arnulf Scriba
© Deutsches Historisches Museum, Berlin | Stand: 14. September 2014
License: CC BY NC SA 4.0

Der Ursprung und der ZeitsprungDie Irrungen und Wirrungen des Frauentages (Ein Gedenktag im Wandel

Heute ist ein guter Tag um einmal kurz einen schweifenden Blick auf die Rechte der Frauen zu werfen: dem internationalen Frauentag. Schließlich geht es hier nicht darum die Frau einmal im Jahr zu feiern und mit Blumen oder Glückwunsch-Nachrichten und Postkarten zu bewerfen. Sondern um die Sache. Es war ja nicht ohne Grund ein Kampf- und Gedenktag in seinem Ursprung. In einer Zeit, in der die Welt - in einigen Kulturen mehr als in anderern - in Männlein und Weiblein geteilt war. Und Zweitere dabei nicht selten die zweite wenn nicht gar "die letzte Geige" spielen musste. Die Gründe für diese Jahrhunderte andauernde Schieflage der Geschlechter sind der Zahl viele und weitaus komplexer als manch einer glauben mag. Da reicht es nicht das Patriarchat aus dem Wandschrank zu holen und zu ohrfeigen. Und - was auch Viele nicht zu wissen scheinen da ja selbst die Archäologie lang maskulin gelesen wurde: das war nicht zwangsläufig in allen Kulturen, und wenn, vor allem auch nicht unbedingt von Anfang an so.

Mehrheitlich liest sich in unseren Kreisen die Stimmung zur Frage der Rechte der Frauen im Allgemeinen ungefähr so: Gerade das neue Jahrtausend zeige zwar massive Fortschritte im Vergleich zu vorangegangenen Jahrhunderten, aber es gäbe auch Rückschritte, und beachtliche und vor allem auch ganz neue Herausforderungen. Und: gespaltene Gefühle und Sichtweisen zu einigen Aspekten der Debatte. Und zwar meine ich dabei vor allem unter den Frauen selbst. Und das nicht erst seit LGBTQ+

Abbildung von Frauen mit Plakat - Wir wollen nicht Menschen zweiter Klasse sein

Frauen demonstrieren am Frauentag 1930 in Florisdorf nahe Wien, Österreich, mit der klaren Botschaft auf dem Transparent: "Wir wollen nicht Menschen zweiter Klasse sein"

Das Bild erschien in der Ausgabe vom 06.04.1930 (S.15, VGA), der in Wien von April 1929 bis zum Februar 1934 erscheinenden Illustrierten "Der Kuckuck", der österreichischen Sozialdemokratie. Auf 16 Seiten wurden wöchentlich Weltgeschehen und Politik, Kunst und Kultur, Wissenschaft, Technik und Sport abgehandelt. Die Artikel des „Kuckuck“ waren kurz, der Stil beinahe „reißerisch“, die „Linie“ kämpferisch antifaschistisch. Die Zeitschrift wies im zweiten Jahr ihres Bestehens etwa 200.000 Leser auf. Der „Kuckuck“ erzielte kurz vor seinem 1933 erfolgten Verbot durch das NS-Regime auch Verkaufserfolge in Deutschland. (Quelle: Wikipedia)

 

Interessanter Weise sind die Meinungen und Stimmungen dazu gerade unter Frauen sehr unterschiedlich. Von "Ich will keine Blumen, ich will Gleichberechtigung" (das wäre auch so ungefähr meine Ausrichtung) bis hinzu "Heut wird Frauen die Tür nicht mehr aufgehalten, kein Vortritt mehr gelassen, und Blumen bekomme ich auch nicht mehr... Dann nehm ich wenigstens die Blumen vom Frauentag", was eine ganz andere Sicht auf die Dinge symbolisiert. Darüber hinaus spaltet sich die FrauenrechtlerInnen-Welt stark in jung und alt. Mit Themenbögen wie "Was würdet ihr tun, wenn wir nicht vor euch gekämpft hätten" bis zu "Eure erkämpften Rechte sind ja gut und schön, aber lang nicht das Ende des Kampfes. Und ihr scheint verweichlicht zu sein". Und weiter geht es mit der Diversität und den damit einhergehenden Fronten, wie: "Frauenrechte gelten nicht für jene, die sich als Frau definieren, aber anders geboren sind" bis hinzu "Warum schränken wir die Debatte auf Frauenrechte ein, wenn es doch eigentlich um Gleichberechtigung aller Geschlechter gehen sollte". Was dann wiederum einigen Hartlinern zu verwoschen ist und ihrer Ansicht nach den Kampf der Frauen ad-absurdum führe. Und so weiter...

Dabei sollte das Hauptziel aber nicht aus den Augen verloren werden: gemeinsam zu ändern, dass diese unsere eine lange Zeit eine Männer dominierende Welt war. Und - hier kommt mein spezieller Blickwinkel auf das Thema - dies hat nicht nur den Frauen geschadet. Es geht hier nicht nur darum, dass eine von der Geschichte zu einer "Minderheit" gemachten Geschlechtergruppe sich ihre Rechte (zurück) erkämpft. Es geht auch darum, dass die Vielfalt und Beteiligung aller Menschen uns alle - also die gesamte Menschheit - voran bringt.

Abbildung von vier Forscherinnen im Labor circa 1910 - 1920

Ca. 1910 - 1920: Die amerikanischen Wissenschaftlerinnen für Botanik und Pflanzenpathologie Nellie A. Brown (stehend), Lucia McCollock, Mary K. Bryan und Florence Hedges (sitzend von v.l.n.r.) bei der Arbeit im Labor (Ort unbekannt). (Bild: National Photo Company)

Die Wissenschaftlerinnen leisteten mit ihren Forschungen zu Pflanzenkrankheiten und deren Erregern Pionierarbeit in den führen 1900er-Jahren. (Quelle: Wikipedia)

Wie dem auch sei. Hin oder Her: Dieser Tag, also das "Andenken" war damals ein wichtiger Schritt. Und diesem möchte auch ich heut gern gedenken. Als überzeugter Verfechter für Gleichberechtigung, in jedem Sinne, aber auch und heute natürlich vor allem im Sinne der Geschlechtergleichheit für Frauen, möchte ich nicht versäumen all jenen zum Frauentag zu gratulieren, die sich davon angesprochen fühlen. Auch wenn ich denke es wäre schöner, wenn das dahinter befindliche Leit-Motiv nicht nur auf einen Tag begrenzt wäre und, weil Feiertage ja auch immer etwas Scheinheiliges an sich haben, nicht daherkommt wie ein Trostpreis.

Der Frauentag entstand ja Anfang des 20. Jahrhunderts eher im Kontext der Arbeiterinnenbewegung, also primär im Kontext zu Arbeitsrecht und um Frauenwahlrecht und bessere Arbeitsbedingungen zu fordern. Initiiert von bekannten Größen ihrer Zeit wie Clara Zetkin, wurde er zwar 1910 beschlossen, fand aber erstmals 1911 öffentlich statt. Das Datum wurde dann erst später, teils in Anlehnung an Streiks in den USA und Russland, fest auf den 8. März gelegt. Während der NS-Zeit wurde er als sozialistischer Kampftag dann verboten und durch den ideologisch geprägten Muttertag "ersetzt". 

Und jetzt haben wir zwar zunehmend mehr Debatten darum herum. Aber an einigen wichtigen Stellen ist immer noch nicht genug passiert. Und das wird in Zeiten der sich noch viel weiter auffächernden Geschlechter-Debatte und dem unnötig aufgespaltenen Kampf zwischen jüngeren und älteren sowie gemäßigten und weniger gemäßigten Generationen im Kampf um die Rechte der Frauen nicht einfacher. Vor allem in der Reflektion zu immer wieder aufloderndem modernen Konservatismus und dem  - wie ich finde - weit aus größerem Problem: dem Bruch des Generationsvertrauens. Was eine lehrreiche Debatte für alle fast unmöglich macht.

Mich würde schon mal interssieren was Clara Zetkin heute dazu sagen würde. Oder ob sie sich dann auch von "modernen" Geschlechter-DebütantInnen als "Terf" beschimpfen lassen muss.

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