Abbildung einer Filmszene aus dem Film Der Frosch und das Wasser

Kanji Tsuda and Aladdin Detlefsen in Der Frosch und das Wasser (2025)

Rezension zum kommenden KinostartDer Frosch und das Wasser (Metaphorischer Film über die Reise des Lebens) -

Nein der Film-Titel ist kein Tippfehler. Dieser spielt zwar an auf den "Frosch im Wasser", aber besagter Frosch und das Wasser haben da noch etwas miteinander zu klären. Aber das kann der Film in seinen bewegenden Bildern weitaus besser erzählen als jede Zeile .... und genau so soll es ein. Bei einem Film. Im besten Falle. Wie in diesem.

Ich hatte Gelegenheit im Rahmen der Vorauswahl zur Lola, dem deutschen Filmpreis, den die Deutsche Filmakademie vergibt, ein paar Filme zu sichten, die ich mir vorausgewählt hatte. Viele nominierte Filme habe ich dabei, wie jedes Jahr, direkt vorweg "beiseite gewischt", würde man bei einer Dating-App sagen. Grund dafür ist und war immer schon, dass ich diese atypischen, jährlich aus dem Boden sprießenden "Cliffhanger", wie ich die Hollywood-Nachahmer gern nenne - entweder Filme mit der Besetzung der immer gleichen bekannten Werbegesichter deutscher Mittelmäßigkeit, die oft nichts Neues oder Interessantes in den Filmkosmos einbringen, oder eben Filme, die sich nur im eitlen Kosmos von Clubszenen Drama, Familiendrama oder Kunst und Kultur bewegen und darin sühlen - im Rahmen von Festivals nicht sehen möchte.

Gerade wenn ich so einer Art "Festival-Stimmung" bin, habe ich keine Lust hoch budgetierte Filme mit mittelmäßiger Story im unfairen Wettbewerb auf die Qualität ihrer Stuntsequenzen oder ihrer großartigen Monolog-Tränen im Close-Up hin zu beurteilen, weil ein Schriftsteller oder Filmemacher mit einer Midlife-Crisis zu kämpfen hat. Auch Filme mit so feschen englischen Titeln, obwohl es deutsche Produktionen sind, wische ich weg, wenn ich aus Zeitgründen vorfiltern muss. Das hat nichts mit "Deutsch" zu tun, sondern damit, dass ich oft schon weiß, dass ich nicht das Publikum bin für Filme die sich gern so nennen wie "Totally up-gestreamt" oder "Berlin, the most wonderful Fuck" oder so. Und da man es zeitlich nicht schafft, alle Filme zu sehen, muss man sich vorweg schon einmal ein wenig entscheiden. Und eben gerade den besonderen, den "anderen" Filmen eine Chance geben.

Gerade Filmfestivals oder Filmpreise sollten der Rahmen sein, wo es nicht um dicke Kohle geht, oder um Coolness, oder künstlerische Eitelkeit, sondern darum, die besonderen Filme, die kleinen Filmperlen zu finden. Leider haben viele Veranstaltungen dieser Art im Zuge ihres Erfolges das zunehmend vergessen und versuchen den Oscars nachzueifern. Stichwort Berlinale. Zum wegschämen... Aber nun zum Film. Wer mich kennt weiß, dass ich es unsinnig finde in einer Rezension Zeilen an den Filmplot zu verschwenden, nur um die Rezension aufzufüllen. Denn der Sinn von Film ist, dass man es sich anschaut und nicht erzählt bekommt worum es geht. Aber da der Film erst Mitte des Jahres in die Kinos kommt, und ich fürchte, nur in die kleinen, gebe ich zumindest mal den Covertext wortwörtlich hier hinzu. Ich denke das ist im Sinne der Macher:

Für Abenteuer gibt es in Stefan Buschs Alltag in einer betreuten Wohngemeinschaft keinen Platz. Doch sein Leben nimmt während eines Gruppenausflugs eine schicksalhafte Wendung: Ohne zu zögern, schließt sich der junge Mann, der von allen nur Buschi genannt wird, einer japanischen Reisegruppe an. Auf diesem Roadtrip der besonderen Art beginnt die behutsame Freundschaft zwischen Buschi und Hideo Kitamura. Buschi, der sich sein ganzes Leben lang geweigert hat, über Sprache mit seinen Mitmenschen zu kommunizieren, blüht in dieser fremden Umgebung auf.

Es ist ein Film über das richtig Hinschauen, das Annehmen, das Loslassen, über das Leben lassen, darüber, dass es das größte Geschenk ist, wenn man mit seinem eigenen Leben das Leben anderer bereichert. Ein Film über die Frage wer eigentlich wem hilft, wer eigentlich wen braucht im Ablasshandel unserer Gesellschaft. Und dass es, wenn man zuhört und richtig hinsieht, soviel Anzeichen für Schönheit und kleiner Wunder gibt, wir sie aber in unserer echauffierten Welt gar nicht mehr sehen. Ein Film darüber, dass unsere Werte und Empfindungen im Kontext zu Moral und Ethik im Abgleich zu dem was die Gesellschaft täglich suggeriert, eigentlich Kopf stehen. Genau der richtige Film zur richtigen Zeit. Es ist eben genau das schwer Erklärliche aber Wichtige als Erkenntnis im Leben, was dir kein Disney-Film und auch keine Freitags-Demo gegen dies und das beibringen kann. Etwas was man, wenn man Glück hat, eines Tages für sich herausfindet. Aber wenn man es tut, wird nichts mehr so sein wie vorher. Jedes Bild um dich herum steht dann Kopf und du fragst dich kopfschüttelnd nur noch was da "draußen" eigentlich los ist. Aber nun genug der Deutung. Ich weiß schon wie affektiert das klingt. Aber für mich war es eine Offenbarung.

Leicht macht der Film es einem aber nicht. Als wolle er eine Vorauswahl treffen. Als wolle er sagen: gut, du willst mich anschauen? Dann werf deine Erwartungen an einen Film weg und übe dich in Geduld. Lass dein kritischen Blick weg, hier geht es nicht um Schnitt, große Schauspielkunst und dramatische Eingangssequenzen. Hier geht es um Menschen! Denn die Wirkung kommt langsam und in sensiblen Schritten. Aber auch nur dann, wenn du bereit dafür bist. Es ist eine Collage, eine Hommage ans Leben.

Es gibt wenig was der Film in meinen Augen missen lässt, vielleicht ein bisschen Filmästhetik, etwas "Stimmung" - also Gestaltung in Licht, Farbe und Bildausschnitt. Muss ich ja jetzt sagen, als Filmkritikerin die bekannt für ihre leidenschaftlichen Verisse ist. Aber ich denke das ist gewollt und das erwähne ich auch nur weil es ja kein dokumentarischer sondern ein szenarischer Film ist.

Und was andere Filme im Vergleich vermissen lassen ist viel gravierender (was dieser Film aber hat): Relevanz und empathischen lebensbejahenden Erzählstil. Und so etwas wie eine film-würdige und eigensinnige Geschichte, eine Sequenz an kleinen stillen Ereignissen, die sich autark und glaubhaft mit solch kuriosen Lebenssituationen vermischen, die bei aller "hä?" Momente sich dennoch innerhalb dieses kleines Kosmos hervorragend in die Geschichte fügen. Wie oft ist das Leben so merkwürdig, dass man denkt: würde man das als Geschichte erzählen, würde jeder sagen, was für ein Quatsch. Und das kuriose an dieser ist, man würde nicht auf die Idee kommen sie zu verfilmen, wenn man nicht genau hinsieht. Wenn doch, dann ist es nichts weniger als die wundervollste Geschichte überhaupt, die man erzählen muss.

Ich finde diesen nüchternen Filmstil hier aber wirklich bestechend und eine gelungene Ehrlichkeit der Bilder, die in anderen deutschen Produktionen sonst leider mehr aufgedrückt als ehrlich wirkt. Hier aber völlig authentisch ist. Was der Film wie gesagt eben einfordert, ist das man sich ein wenig einlebt in die Bilder. Man könnte sagen, der Film biedert sich nicht an. Kein Netflix Gehabe, keine Establisher, keine Zeitlupenfahrten. Und wundervoll köstliche kleine Pointen, die so dezent eingefädelt sind, dass man schon aufpassen muss, wenn man sie nicht beim Ansetzen des Weinglases verpassen möchte. Stichwort: Aus dem Off ein ganz leises "Plumps" (Platsch) ... Man sieht nur zwei Passanten laufen dabei gerade aus dem Bild. Einer dreht sich nur kurz irritiert um. Dann gehen sie weiter. (Mal sehen wer nachher weiß, was ich meine).

Ich würde es ja ganz gewagt im weitesten Sinne gefasst einen Road-Movie in früherer Wim Wenders Tradition nennen. Nur ohne das Road-Movie Colorid und ohne die Arthouse Attitüde. Wie schon erwähnt, nüchtern vom Bild her, fast schon wie ein Fernsehbeitrag. Aber ich habe beim Nachdenken darüber was es im Verhältnis zu der zu erzählenden Geschichte machen würde, wenn man da noch dran "rumgefummelt" hätte, gedacht: es wäre jedes bisschen "Colorit" zu viel gewesen. Es war eine mutige aber die richtige Entscheidung den Film dahingehend "unberührt" zu belassen. Ganz der Geschichte und ihren Figuren zu vertrauen. Auch wenn ich befürchte, dass das nicht jeder Zuschauer mit seinen Sehgewohnheiten schnell genug abgeglichen bekommt, um sich auf die wundervolle stille Geschichte und ihren eigenen Rhythmus einzulassen.

Es geht auch nicht um die sogenannte Authentizität der Figuren.  Auch nicht um die "richtige Dramaturgie". Oder die Stanislawski'sche "Realistik". Es geht eigentlich um nichts, was man auf der Filmhochschule lernen kann. Und das ganz bewusst. Und genau das macht diesen Film so erfrischend reizvoll für mich.

Für mich ist das ein Schatztruhen-Film. Und das sage ich selten zu deutschen Produktionen. Wer mich kennt, weiß dass das das höchste Prädikat ist, was ein Film bei mir bekommen kann. Darin finden sich handverlesene 40-50 Filme unterschiedlichen Stils aber einer für mich sehenswerten Dringlichkeit und Machart wie zum Beispiel "Fish Tank", "Der Geschmack von Rost und Knochen", Trier's "Melancholia", Wenders' "Alice in den Städten" oder "Nick's Film - Lightning over Water" (Jim Jarmusch war derzeit noch Assistent bei Wenders), Aranofky's "Pi" oder "Mother!", Jarmusch's "Only Lovers left Alive", dann noch Klassiker wie "Parasite (2019), "L.A. Crash", "Nomadland", aber eben auch Filme  wie "Vivere", "Capernaum – Stadt der Hoffnung (2019)" und "Min Dît – Die Kinder von Diyarbakir (2009)" die vielleicht mehr in diese Stimmung und zu dieser Art filmisch sinnierenden und tendeziös dokumentarischen Close-Up Filmstil passen.

Pradikat: Wertvoll. Sehenswerter stiller Film
Einordnung: kein Popkornfilm, eher ein Filmvortrag
Stil: puristisch, beseelt

10 von 10 Sternen / Schatztruhen-Film

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