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Ein Franchise unter die Lupe genommen: Tatort - Der TV Klassiker (Ein Stück Deutsches Kulturgut) -
Es ist Sonntagabend, die ganze Familie trifft sich im heimischen Wohnzimmer vor dem Fernseher und fiebert eineinhalb Stunden mit einem semi-charismatischen Kommissaren-Team mit und hofft, dass der Mordfall durch Kaffeebecher-Beschwörung und eindringliche Verhöre aufgeklärt werden kann. So sieht die Szene in deutschen Wohnzimmern seit dem 29. November 1970 aus, als der erste Tatort ausgestrahlt wurde. Die Alten schauen den Tatort schon seit über vierzig Jahren und es hat sich in ihren Alltag integriert wie der wöchentliche Waschtag. Die Jungen haben vor einigen Jahren den Tatort auch wieder für sich entdeckt und gehen in szenige Kneipen, wo neben Suppe und Bier auch gemeinsam Tatort geschaut werden kann. Dazwischen ist eine Generation, der 40 bis 50 Jährigen, die mit dem Tatort nicht all zu viel anfangen können.
Doch allgemein kann man sagen gehört der Tatort zum deutschen Fernsehen und ist somit, ob man will oder nicht, Teil der modernen deutschen Kultur geworden. Weltweit einmalig ist auch das Konzept dieser Fernsehreihe und hätte damit eigentlich das Potential auch internationale Beachtung zu finden. Doch: die Medien-Begutachter und Kommentatoren auf der anderen Seite des großen Teichs im fernen Amerika nehmen die deutscheste aller Serien nur am Rande wahr und haben für den Tatort meistens nur ein Schmunzeln übrig.
Und doch besteht der Tatort seit über 4 Jahrzehnten und wird schon bald seine 1000. Folge feiern können. Der Ideen-Vater des Tatort war Gunther Witte, der für den WDR eine neue Kriminalserie entwickeln sollte. Die Inspiration für regional ansässige Ermittler und deren Fälle vor Ort gab die Rundfunkserie des RIAS "Es geschah in Berlin", in der dokumentarisch reale Kriminalfälle in Berlin behandelt wurden. Der einschlägige Titel der Serie war eigentlich nur als Platzhalter gedacht und sollte mit dem jeweiligen Handlungsort ergänzt werden. Doch die Erfolgsgeschichte des Tatort begann keines Fall rosig. Wittes Konzept stieß bei den ARD-Fernsehspielchefs zunächst auf wenig Interesse. Eine Krimiserie mit Standort bezogenen Eigenheiten, in der der Kommissar im Mittelpunkt steht. Die zu lösenden Fälle spielen im ortstypischen Umfeld und Regionalkultur sowie Mentalität werden in die Charaktere und Begebenheiten eingebracht. Die erzählten Geschichten sollen realitätsnah und spannend sein. (Zu realitätsnah komme ich später noch einmal).
Erst im zweiten Anlauf wurde das Konzept angenommen. Doch auch im weiteren Verlauf sah es nicht gut aus für Wittes Idee. Für die ersten Folgen wurde ihm zu wenig Zeit gewährt und die Produktionen sollten so kurzfristig umgesetzt werden, dass es nicht möglich war eigene Drehbücher umzusetzen und eigene Filme zu produzieren. So wurde der bereits gedrehte Krimi "Taxi nach Leipzig" mit Kommissar Trimmel, gespielt von Walter Richter, am 29. November 1970 als erste Folge der Reihe Tatort im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt. Auch wenn man es damals nicht so bezeichnet hätte, hat der Tatort eine ganz eigenen Gattung der Kriminalserie hervorgebracht, den "Faction-Psychokrimi". Faction setzt sich dabei aus Facts (Fakten) und Fiction (Fiktives) zusammen.
Im deutschsprachigen Raum wird der Tatort trotz viel Kritik gerne geschaut und die Zuschauer scheinen auch gar keinen anspruchsvollen Plot oder filmtechnische Professionalität zu erwarten. Man möchte sich amüsieren und unterhalten werden und nimmt dafür auch gerne unrealistische "Geschichten aus dem Alltag", oft vom Dach stürzende Menschen, überdurchschnittlich viele Leichen die im Müll gefunden werden, flache Klischees über so ziemlich jede Szene und Kultur, sich in Scheiben spiegelndes Filmteam, einfallslose bis schlechte Dialoge und so einige Anschlussfehler in kauf.
Sehr auffällig sind auch die Ermittlungsmethoden, fern ab von der Wirklichkeit bis hin zu häufig illegalen Handlungen der Ermittler. Der Strafrechtler Henning Ernst Müller sprach anlässlich einer Folge sogar von „Propaganda gegen den Rechtsstaat". Dank all diesen Tatsachen bietet der Tatort immer eine gute Grundlage für ein wenig Smalltalk während der Arbeitspause, lässt sich gut zu einem Post in den sozialen Netzwerken verwurschteln und bietet einen Zeitvertreib für die vielen Online-Foren-Besucher. Und trotz all der Kritik ist die Tatort-Fan-Gemeinde keine kleine. Die Facebook Seite des Tatort hat über 850'000 "Gefällt mir" Angaben und der Hashtag #Tatort wurde unzählige Male auf Twitter genutzt. Die Deutschen wollen mit ihrem Tatort einfach nicht zu hart ins Gericht gehen.
Ganz anders ist da die Kritik aus den Reihen ambitionierterer Filmemacher und Autoren. Unsere leidenschaftliche Filmkritikerin auf interscenar.io Britta Leuchner bescheinigte dem Tatort eine "typisch deutsche Filmplätscherei mit sinnfreien Dialogen die an Schultheater erinnern". Herunter gebrochen könnte man die Art der Verhöre auch satirisch wie folgt darstellen:
Kommissar: "Sie waren es!"
Verdächtiger: "Nein, ich war es nicht."
Kommissar: "Doch Sie waren es, wir haben Beweise."
Verdächtiger: "Nein ich war es nicht."
Kommissar: "Wir wissen das Sie es waren."
Verdächtiger: "Nein ich war es nicht."
Kommissar: "Sie waren es!"
Verdächtiger: "Na gut, ich war es."
Dieter Anschlag verglich den Tatort in der Funkkorrespondenz im Jahr 2014 noch als Straßenfeger mit der Samstagabendshow Wetten, dass..? Aber die aktuell zunehmende Kritik am Tatort, auch aus den Reihen der Fans, scheint Tatort Redakteure nun zu konzeptionellen Veränderungen zu verleiten, die über den Fortbestand der Filmreihen entscheidend sein könnten. Den Kultstatus der Reihe aufrechterhalten? Was ja nicht hieße, dass man an den genannten Kritikpunkten nicht arbeiten könne. Oder dem Tatort neue Konzepte wie zum Beispiel à la "Til Schweiger macht auf Bruce Willis" aufdrücken. Dies könnte zumindest jüngste Tatort-Entgleisungen erklären... Letzteres könnte aber dafür sorgen, dass sich die bisherige Fan-Gemeinde abwendet, der Tatort zugleich aber keinen neuen Zulauf bekommt. Kurzfristig gesehen mag das neue Konzept für einige Folgen hohe Einschaltquoten bedeuten, langfristig gesehen jedoch, würde das 15 - 30 jährige Zielpublikum dem Konzept aber entwachsen. Und ob neue Generationen den 80er Jahre anmutenden Stil dieses Action-lastigen Konzeptes etwas abgewinnen können ist eher fraglich.
Krimiserien mit eigenem Konzept, die nationale / regionale Gewohnheiten bedienen, sind nicht automatisch zum Scheitern verurteilt, wie man ja an skandinavischen Serien sehen kann. Auch sie haben einen eigenen Stil, so ganz anders als ein Hollywood Film. Und dennoch oder gerade deshalb schaffen sie es auch im Ausland gesehen zu werden. Das könnte der Deutsche Tatort auch, davon bin ich überzeugt. Und Folgen wie "Die Ballade von Cenk und Valerie" oder "Wer bin ich" im Arthouse Stil des Filmgenres 8 ½ gedreht, beweisen jetzt schon das es noch Hoffnung gibt und dem Tatort eine erfolgreiche Zukunft offen stehen kann.
Der Medienwissenschaftler Dietrich Leder erklärte das nun wieder gestiegene Zuschauerinteresse an der Filmreihe mit einer verbesserten Vermarktung durch die Etablierung von immer mehr Ermittlern und immer prominenteren Schauspielern. Aber ich denke langfristig ist das nur mit inhaltlicher Qualität haltbar.
2015 gab "Das Erste" die durchschnittlichen Kosten eines 90minütigen Tatorts mit 1,395 Millionen Euro (15.500 Euro/Minute) an. Die Gagen der Kommissar-Darsteller betragen bei etablierten Schauspielern dabei schätzungsweise zwischen 80.000 und 120.000 € pro Folge. Pro Folge werden 21 bis 30 Drehtage angesetzt. Vom Rundfunkbeitrag von 17,50 Euro monatlich entfallen rund 14 Cent auf die Produktion der Sonntagskrimis Tatort und Polizeiruf 110.
Die Reihe Tatort gehört zu den zuschauerstärksten Fernsehserien und -reihen in Deutschland überhaupt. 2009 stellte der Tatort 32 der 50 meistgesehenen Serienepisoden im deutschen Fernsehen, 2010 waren 13 der 15 meistgesehenen Filme im deutschen Fernsehen Tatorte. Im Jahr 2013 verfolgten dann sogar durchschnittlich 9,32 Mio. Zuschauer eine neue Tatort-Folge.
Die WDR-Ermittler Thiel und Boerne erreichten seit 2010 als derzeit durchschnittlich Quoten-stärkstes Team mit allen Erstsendungen jeweils über 10 Mio. Zuschauer in Deutschland (Stand: April 2013). Ihre Folge "Summ, Summ, Summ" hatte 2013 mit 12,99 Mio. Zuschauern die größte Zuschauerreichweite eines Tatorts seit 1992. Kurz zuvor hatte "Willkommen in Hamburg", der Einstiegsfall von Til Schweiger als Tatort-Kommissar, mit 12,74 Mio. Zuschauern die größte Reichweite seit 1993 erreicht. Die Tatort-Folge "Schwanensee" des Münsteraner Ermittlerteams vom 8. November 2015 erreichte mit 13,63 Millionen Zuschauern einen neuen Rekord. Der Stuttgarter Kommissar Ernst Bienzle, der auf einer Romanfigur von Felix Huby beruht, trat über seine Tatort-Aktivitäten hinaus auch als Theaterfigur auf. Und auch Günter Lamprecht lässt in den Theaterstücken Herrengold und Vaterliebe seine Figur Markowitz weiterleben. Die beiden Theaterstücke wurden auch als „Tatort-Kammerspiel“ bezeichnet.
Der Darsteller im 1970 in München gedrehten Vorspann (durch einen Schlitz blickende Augen und eine flüchtende Person) ist der bayerische Schauspieler und spätere Geschäftsmann Horst Lettenmayer, der für den Dreh einmalig 400 DM bekam. Die Aufnahme, in der nur seine Beine beim Rennen zu sehen sind, entstand auf einem Abschnitt des damaligen Flughafens München-Riem. Lettenmayer wirkte viele Jahre später auch in einer Episode mit: 1989 spielte er in dem Schimanski-Tatort "Der Pott" einen Gewerkschaftsboss, der ermordet wird.
Die Grafikdesignerin des Vorspanns war Kristina Böttrich-Merdjanowa, die hierfür einmalig 2500 DM erhielt. Ende 2009 reichte sie in einem Gerichtsverfahren vor dem Landgericht München I eine Stufenklage auf Auskunft für eine höhere Entlohnung sowie Namensnennung ein, in der das Landgericht München I mit einem Teilurteil vom 24. März 2010 zunächst in weiten Teilen zu Gunsten der Klägerin entschied. Im Februar 2011 hob das Oberlandesgericht München dieses Urteil jedoch wieder auf und wies die Klage ab.
Die Titelmusik wurde 1970 von dem bereits verstorbenen Komponisten und Jazzlegende Klaus Doldinger (Filmmusik "Unendliche Geschichte") komponiert und im Lauf der Zeit nur zweimal, in den Jahren 1979 und 2004, behutsam modifiziert. Das Schlagzeug in der Erstfassung spielte kein geringerer als Udo Lindenberg.
Das DDR-Pendant zum Tatort war der Polizeiruf 110, der sich heute mit dem Tatort den Sendeplatz teilt. Die erste Crossover-Folge zwischen den beiden Reihen bildete 1990 die Tatort-Folge Unter Brüdern, in der die westdeutschen Kommissare Schimanski und Thanner (dargestellt von Götz George und Eberhard Feik) auf ihre ostdeutschen Kollegen Fuchs und Grawe (dargestellt von Peter Borgelt und Andreas Schmidt-Schaller) trafen. Nach Götz Georges Abschied aus dem Tatort gab es die Polizeiruf-Folge Thanners neuer Job (1991), in der Eberhard Feik beim Polizeiruf eingeführt werden sollte. Weiteren Berührungspunkte und Cameos der beiden Reihen gab es weiterhin wie z.B. in der Polizeiruf-Folge "Die Mutter von Monte Carlo" (Erstausstrahlung 29. Januar 2006), in der Polizeiruf-Kommissar Thomas Keller (dargestellt von Jan-Gregor Kremp) auf seinen Frankfurter Tatort-Kollegen Fritz Dellwo (Jörg Schüttauf) traf. Am Ende von Polizeiruf 110 "Wendemanöver" wird erwähnt, dass "ein Herr Tschiller aus Hamburg" am Telefon sei.
Es besteht kein Zweifel dass der Tatort trotz schwankender Qualität zu den wohl markantesten Klassikern Deutscher Fernsehkultur gezählt werden kann. Und einzelne Filme aus den Reihen stellen sogar Meilensteine der Fernsehfilmlandschaft dar. Der Kultstatus ist also auch nach Durststrecken durchaus berechtigt.
Sich den Kultstatus als erster Deutsch-Deutscher Krimi mit einer Frau als Kommissarin zu holen, hat der Tatort allerdings verpasst. Diese Markierung hat sich der frühere DDR "Polizeiruf 110" mit der bekannten Schauspielerin Karin Ugowski als Kommissarin Helga Lindt in den 1970ern bereits früh eingeheimst. Woher ich das weiß? Nun weil ich das Glück hatte die Schauspielerin für interscenar.io einmalig interviewen zu dürfen.
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