Der letzte Sommertag | FASSETTE.NET

  • in einem Kreuzberg dass sich verändert

Eine warme Sommernacht - Indisches Essen - Wir sitzen an der Oranienstraße - Aber das nur nebenbei - Oder, um es anders zu sagen: so bewusst, wie es die Unter- und Überwelt des kostspieligsten Armutsbezirkes Berlins es gewährt. Am Nebentisch kehren drei Menschen ein. Sie machten einst Kreuzberg aus, den "Grenz"-Bezirk, den es vielleicht bald nicht mehr geben wird.

Ich nenne sie bewusst nicht Gestalten, obgleich dies mein erster Gedanke war. Aber ich will die Schublade nicht öffnen, zumindest, wenn geöffnet, nicht unkommentiert lassen. Ich bin mir meiner Perspektive bewusst, versuche die Menschen so zu verstehen, wie sie sich verstehen, definieren, beschreiben. Sie wachen sicherlich nicht als Gestalten auf und gehen als Gestalten hier essen. Für den Kellner scheinen sie aber auch keine "normalen" Kunden, er wirkt angespannt. Sie sind alle drei, zwei Männer und eine Frau, leicht alkoholisiert. Die Frau unter ihnen scheint noch einen Trip auszustehen. Sie wirkt panisch, dauerhaft alarmiert, verlässt den Tisch alle drei Minuten, weicht den Gegenständen auf der Straße in letzter Minute aus. Ihre Motorik scheint fremdbestimmt, sie nicht mehr Herr der Lage. Sie setzt sich wieder.

Man bestellt. Der Kellner weist darauf hin, dass das Restaurant in einer halben Stunde schließt. "Haste mal 'ne Drehung über?" Wir geben ihnen Tabak, schon mit Filter in ein Blättchen lose eingerollt. "Danke." Kurz darauf erscheint der Kellner auch am Nachbartisch mit den heißen, dampfenden Platten mit zischendem Fleisch, mit Salat, Brot und einer Schale Reis. Die Frau betont, sie bräuchte aber lange zum Essen. Sie nimmt ihre Gabel, isst etwas, springt wieder auf, streift dabei ein Straßenschild, geht kurz in die Knie, fängt sich aber in derselben Bewegung wieder, kehrt zum Tisch zurück. "Ich find es schön, hier zu sein. Ich liebe euch. Ich meine, Liebe hat viele Gesichter." Der Mann neben ihr stimmt ihr zu. Sie fragt nach einer Zigarette. "Aber lecker ist es", sagt sie. Sie raucht und mir fällt mein Essen wieder ein. Dann steht sie, mit der Zigarette im Mund, wieder auf, einem Bewegungsdrang unterlegen, kreist um ein Auto, breitet die Arme aus und schwebt. Sie lässt sie langsam wieder an ihren Körper zurückgleiten und läuft wankend zum Tisch. "Aber lecker ist es. Ich find es schön, hier mit euch zu sitzen, richtig schön." Die Wörter reiben sich an der Art, wie sie diese herausringt. Sie spricht von Gebaren und einer hochintellektuellen Frau. "Ich bin nicht konsequent" will sie sagen, sagt aber konsekent. "Ich brauch immer lange zum Essen", sagt sie. Der Kellner erscheint kurz an der Luft und weist die Gäste darauf hin, dass das Restaurant jetzt schließt. Unmut auf den Gesichtern, leise Rebellion, die Situation kann jeder Zeit kippen. Der Kellner verschwindet in die Küche. "Ich hab mein Ammoniak vergessen", flucht die Frau. Die anderen mokieren sich darüber, äffen sie nach. "Ich hab mein Ammoniak vergessen, ich hab mein Ammoniak vergessen." Es folgen Gespräche über Ex-Partner. "Was? Du warst anstrengend?", sagt der Mann neben ihr auf einmal überrascht, so sehr überrascht, dass die mitschwingende Entrüstung gespielt klingt. Ein Kompliment.

Es fängt an, zu regnen. Ein sommerlicher Platzregen, der die Kälte am nächsten Tag verheißt. Wir sitzen überdacht, fragen nach der Rechnung. Ich überlege, ob Ammoniak eine direkt einnehmbare Droge ist oder eine Kochsubstanz. Jetzt weiß ich: Letzteres. Um die Basen im Kokain freizusetzen, erwärmt man es zusammen mit Ammoniak auf einer Aluminiumfolie. Es wird inhaliert. Der Rausch beim sogenannten Freebasen kommt schnell und intensiv, der Trip dauert bis zu einer Stunde an. Im kürzesten Falle etwa zehn Minuten.

So wie ein Essen beim Inder an der Oranienstraße in Kreuzberg.

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Bei aller Distanzierung dennoch eine liebevolle und letztendlich respektvolle Hommage an jene 3 vom Nachbartisch, wie ich finde. Auch wenn man sich natürlich nie ganz "raus" nehmen kann und darf bei der Empfindung. Wie man sich fühlt am Nachbartisch. Die leichte Verängstigung, die Irritation sowie das Bewusstsein über die eigene Distanzierung schwingen ebenso mit wie die Symphatie, Wärme und Toleranz. Schade dass es diesen Bezirk Berlins in der so vermischten Form bald nicht mehr geben wird. Ein Beispiel per Exellence wie Menschen aller Art nebeneinander in friedlicher Koexistenz leben könnten.


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